Ich surfe auf den Holzschnitten über Aquarelle bis zu den Kreide- und Kohlegrafiken. Leben steckt in diesen Motiven. Leben in allen Druckfarben. Leben in mehreren Farbschichten. Leben in Schwarz und Weiß. Hochdruckverfahren. Tiefdruckverfahren. Flachdruckverfahren. Grobe Pinselstriche. Feinste Pinselstriche. Ich versinke in „Abend. Melancholie I“, ein Farbholzschnitt, der sonst im Munchmuseum in Oslo zu sehen ist. Ich werde ermahnt, auf die Abstandsmarkierungen zu achten. Ich werde ermahnt, mit den Händen nicht zu nah an die Bilder zu kommen. Ich werde aufmerksam beobachtet. Ich beobachte aufmerksam – wie plötzlich der Wind in das Haar des Mädchens fährt, das sich an den Birkenstamm lehnt; wie sich eine Fruchtfliege auf das „Stilleben mit Früchten und französischem Weißbrot“ setzt; wie das Spinnrad surrt und der Wollfaden durch die Hände der „Spinnenden Bäuerin“ gleitet; wie sich die Barthaare des alten Mannes beim Räuspern neu ordnen; wie der Wein riecht in der Flasche, die vor Edvard auf dem Tisch steht; wie sich die Köpfe der drei „Mädchen auf der Brücke“ beim Tuscheln und Kichern hin und her wiegen... ich beobachte das alles, ich höre es, rieche es, spüre es. Nur jetzt nicht hinsetzen. Wenn man einmal sitzt, fällt es schwer, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Die Bilder haben sich in den drei Stunden seit Betreten der Ausstellungsräume geändert. Sie sind lauter geworden. Sie sind leiser geworden. Sie sind dunkler geworden. Sie sind bunter geworden. Die Leben der beiden Künstler haben mit meinem Leben zu tun – das Sitzen am Sterbebett, die knisternde Kruste des frischen Baguettes, das Luft- und Seebaden... der Hunger nach Unbeschwertheit, der Durst nach Erlösung-Vergebung-Vergessen. Warum versteht es denn keiner? Warum hält es nicht jemand mit aus, dieses „ich weiß es nicht“? Warum die schnellen Antworten, die kurzen Sätze, die doch niemals wahre Antworten sein können. Der Himmel reicht nicht bis zum Leinwandrand. Den Kopf umgibt ein blauer Haarreif. Haar und Himmel. Arm und Rinde. Fuß und Wiese. Noch nie waren mir die Worte so falsch vorgekommen – Halbwahrheiten im serifenlosen Grotesk auf den Wänden der Ausstellungsräume. Die Zusammenhänge gehen verloren. Die Verbindungen zu Wurzeln werden gekappt. Noch einmal steige ich auf das Brett und lasse mich hinaus tragen von Wellen und Wind.
Yana Arlt
Edvard Munch
Ich ging spazieren mit zwei Freunden – da sank die Sonne – Auf einmal ward der Himmel rot wie Blut – ich hielt inne, fühlte mich erschöpft – ... Meine Freunde gingen weiter, und ich stand allein, bebend vor Angst – Mir war, als ginge ein mächtiges, unendliches Geschrei durch die Natur.
Textquelle: deutschlandfunkkultur
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