Montag, 2. Februar 2026

Inspirieren lassen ~ Geheimnis des Lebens

 zu Paula Modersohn-Beckers
150. Geburtstag ~ 8. Februar


„Paula Becker an Rainer Maria Rilke
[Berlin] Eisenacher Str. 61 * Geburtstagsabend [8.2.1901]
Lieber Freund, Es hat Liebe auf mich nieder geströmt warm und weich und linde. Nun ist es Abend und ich sitze in Stille am alten gelben Schreibpult von Großvater Bültzingslöwen. In der Küche nebenan tickt die Uhr und sagt, ich solle mich nicht fürchten, und ich wäre nicht einsam denn sie wache noch. Und ich bin nicht einsam, wahrlich nicht. Ich bin ein glückliches Menschenkind, dem aus wunderbaren milden Händen ein roter, reifer Apfel nach dem anderen zugerollt wird. Und ich empfange einen jeden neuen wie ein Wunder vom lieben Himmel und seufze schier vor Glück. Und ich danke jenen Händen, daß sie auch Sie an die Hand nahmen und mir zuführten auf meine grüne Wiese. Und ich warf Ihnen meinen roten Apfel hin und Sie legten mir manch süße Blume in den Schoß und heute auch einen süßen Syringenstrauß.
Es wird Frühling.
Und dann kamen Sie selbst, nicht auf meine grüne Wiese, sondern hinauf auf meinen Turm, was doch so schwer ist und so viele, viele Mühe macht. Da reiche ich Ihnen dankbar meine beiden Hände und blicke in Ihre gütigen Augen und als Empfangender bitte ich Sie: Bleiben Sie mir so. […]
In lieber Freundschaft
Ihre Paula Becker“

Textquelle: „Paula Modersohn-Becker Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke / Mit Bildern von Paula Modersohn-Becker“ Insel-Bücherei Nr. 1242 Erweiterte Neuausgabe Insel Verlag Berlin 2011


Paula Becker, die drei Monate später Otto Modersohn heiratete, schrieb diese Zeilen an Rilke an ihrem 25. Geburtstag. Die Malerin und der Dichter begegneten sich im Sommer davor in Worpswede und den Überlieferungen nach begann eine innige Freundschaft zwischen den beiden jungen Menschen, die zu einer der faszinierendsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts wurde.Eine Künstlerin, die mit Farbe, Pinsel und Leinwand Atmosphäre einfängt und (Lebens)Geschichten erzählt; ein Künstler, der sich mit Buchstaben, Worten, Versen versucht den chaotischen Stimmungen und dem inneren Getriebensein zu stellen. Beide waren sich in der Wahrnehmung der Welt so ähnlich und hätten doch nicht unterschiedlicher sein können. Ich vermute, das „Geheimnis“ ihrer Verbundenheit, ihrer Freundschaft steckte darin, dass der eine den anderen so gelten ließ wie er war, man respektierte die Unterschiede und genoss die Gemeinsamkeiten. Der Ton in ihren Briefen lässt erahnen, wie sie miteinander bei Begegnungen umgingen. Respektvoll. Fast etwas schwärmerisch? Rilke hat gezeichnet und gemalt und Paula war – meiner Meinung nach – eine wunderbare Tagebuch- und Briefeschreiberin. Die Malerin, die poetisch schreibt; der Poet, der zeichnet. Eine Woche nach dem oben zitierten Brief gaben Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff ihre Verlobung bekannt. Clara Westhoff, die Bildhauerin, mit der Paula seit ihrem Kennenlernen in der Künstlerkolonie Worpswede befreundet ist... auch diese Änderung im Beziehungsgeflecht von Paula, Clara, Rainer und Otto schlägt sich auf die Sprache in den Briefen, auf den Umgang miteinander nieder. Die Zeit der getrennten Wege ist für beide auch eine Zeit der Reife. Wie findet man wieder zueinander? Könnte es eine Réunion der beiden auf einem höheren Niveau geben? Hat man sich immer noch etwas zu sagen? Und welches Vokabular ist dafür geeignet? Wäre es zwischen einem gleichgeschlechtlichen Künstlerduo einfacher? Wie verhielt sich Otto Modersohn gegenüber Rainer Maria Rilke, wie ordnete er die Freundschaft seiner Frau mit dem Dichter ein? Vieles aus dem kurzen Leben von Paula Becker/ Paula Modersohn Becker ist aufgearbeitet, analysiert, niedergeschrieben worden und vielleicht kommen in diesem Jahr, im Jahr des 150. Geburtstages der Malerin aus Dresden, noch einige Publiktionen hinzu. Es wird Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme u.a. geben und fast mutet es seltsam an, dass es trotz der kurzen Lebensspanne von etwas mehr als 31 Jahren so viele Dinge noch zu entdecken sind. Und trotzdem: Niemand kann in das Innere eines Menschen schauen. Niemand kann einen anderen bis ins letzte Molekül, bis in den verborgensten Gedanken, die kleinste Empfindung ergründen. Ein Hauch Geheimnis umgibt Paula und Rainer und Yana und Dich und ... Das ist Wunder-voll!

  Yana Arlt

Rainer Maria Rilke

Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: einander lassen; denn daß wir uns halten, das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.

aus „Requiem. Für eine Freundin“