zu Paula Modersohn-Beckers
150.
Geburtstag ~ 8. Februar
„Paula Becker
an Rainer Maria Rilke
[Berlin] Eisenacher Str. 61 *
Geburtstagsabend [8.2.1901]
Lieber Freund, Es hat Liebe auf mich
nieder geströmt warm und weich und linde. Nun ist es Abend und ich
sitze in Stille am alten gelben Schreibpult von Großvater
Bültzingslöwen. In der Küche nebenan tickt die Uhr und sagt, ich
solle mich nicht fürchten, und ich wäre nicht einsam denn sie wache
noch. Und ich bin nicht einsam, wahrlich nicht. Ich bin ein
glückliches Menschenkind, dem aus wunderbaren milden Händen ein
roter, reifer Apfel nach dem anderen zugerollt wird. Und ich empfange
einen jeden neuen wie ein Wunder vom lieben Himmel und seufze schier
vor Glück. Und ich danke jenen Händen, daß sie auch Sie an die
Hand nahmen und mir zuführten auf meine grüne Wiese. Und ich warf
Ihnen meinen roten Apfel hin und Sie legten mir manch süße Blume in
den Schoß und heute auch einen süßen Syringenstrauß. Es wird
Frühling. ―
Und dann kamen Sie selbst,
nicht auf meine grüne Wiese, sondern hinauf auf meinen Turm, was
doch so schwer ist und so viele, viele Mühe macht. Da reiche ich
Ihnen dankbar meine beiden Hände und blicke in Ihre gütigen Augen
und als Empfangender bitte ich Sie: Bleiben Sie mir so. […]
In
lieber Freundschaft
Ihre Paula Becker“
Textquelle:
„Paula Modersohn-Becker Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke / Mit
Bildern von Paula Modersohn-Becker“ Insel-Bücherei Nr. 1242
Erweiterte Neuausgabe Insel Verlag Berlin 2011
Paula Becker, die drei Monate
später Otto Modersohn heiratete, schrieb diese Zeilen an Rilke an
ihrem 25. Geburtstag. Die Malerin und der Dichter begegneten sich im
Sommer davor in Worpswede und den Überlieferungen nach begann eine
innige Freundschaft zwischen den beiden jungen Menschen, die zu einer
der faszinierendsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts
wurde.Eine Künstlerin, die mit Farbe, Pinsel und Leinwand Atmosphäre
einfängt und (Lebens)Geschichten erzählt; ein Künstler, der sich
mit Buchstaben, Worten, Versen versucht den chaotischen Stimmungen
und dem inneren Getriebensein zu stellen. Beide waren sich in der
Wahrnehmung der Welt so ähnlich und hätten doch nicht
unterschiedlicher sein können. Ich vermute, das „Geheimnis“
ihrer Verbundenheit, ihrer Freundschaft steckte darin, dass der eine
den anderen so gelten ließ wie er war, man respektierte die
Unterschiede und genoss die Gemeinsamkeiten. Der Ton in ihren Briefen
lässt erahnen, wie sie miteinander bei Begegnungen umgingen.
Respektvoll. Fast etwas schwärmerisch? Rilke hat gezeichnet und
gemalt und Paula war – meiner Meinung nach – eine wunderbare
Tagebuch- und Briefeschreiberin. Die Malerin, die poetisch schreibt;
der Poet, der zeichnet. Eine Woche nach dem oben zitierten Brief
gaben Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff ihre Verlobung bekannt.
Clara Westhoff, die Bildhauerin, mit der Paula seit ihrem
Kennenlernen in der Künstlerkolonie Worpswede befreundet ist... auch
diese Änderung im Beziehungsgeflecht von Paula, Clara, Rainer und
Otto schlägt sich auf die Sprache in den Briefen, auf den Umgang
miteinander nieder. Die Zeit der getrennten Wege ist für beide auch
eine Zeit der Reife. Wie findet man wieder zueinander? Könnte es
eine Réunion
der beiden auf einem höheren Niveau geben? Hat man sich immer noch
etwas zu sagen? Und welches Vokabular ist dafür geeignet? Wäre es
zwischen einem gleichgeschlechtlichen Künstlerduo einfacher? Wie
verhielt sich Otto Modersohn gegenüber Rainer Maria Rilke, wie
ordnete er die Freundschaft seiner Frau mit dem Dichter ein? Vieles
aus dem kurzen Leben von Paula Becker/ Paula Modersohn Becker ist
aufgearbeitet, analysiert, niedergeschrieben worden und vielleicht
kommen in diesem Jahr, im Jahr des 150. Geburtstages der Malerin aus
Dresden, noch einige Publiktionen hinzu. Es wird Ausstellungen,
Vorträge, Bücher, Filme u.a. geben und fast mutet es seltsam an,
dass es trotz der kurzen Lebensspanne von etwas mehr als 31 Jahren so
viele Dinge noch zu entdecken sind. Und trotzdem: Niemand kann in das
Innere eines Menschen schauen. Niemand kann einen anderen bis ins
letzte Molekül, bis in den verborgensten Gedanken, die kleinste
Empfindung ergründen. Ein Hauch Geheimnis umgibt Paula und Rainer
und Yana und Dich und ... Das ist Wunder-voll!
Yana Arlt
Rainer
Maria Rilke
Wir
haben, wo wir lieben, ja nur dies: einander lassen; denn daß wir uns
halten, das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.
aus
„Requiem. Für eine Freundin“
