Bist du schonmal barfuß duch den
Schnee gegangen? Ich meine, ganz bewusst, nur ein paar Schritte
vielleicht, über den frisch gefallenen Schnee.
Hast du schon
einmal vor einem weißen Blatt gesessen? Ich meine, ganz bewusst, mit
einer Idee für ein Gedicht oder einen Brief. Nur ein paar Worte
vielleicht, auf das weiße Papier.
Hast du schon einmal vor einer
Leinwand gestanden? Ich meine, ganz bewusst, nur ein paar
Farbstriche, auf der blanken
Leinwand.
barfuß
barhändig
barhäuptig
barherzig
keinen
Schutz zwischen dir und deinen Fußsohlen, deinen Fingerspitzen,
deinem Kopf – mit Haut und Haar, deinen Gedanken und Gefühlen.
Kein Schutz deiner Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Der Schnee
deckt letzttagig alles zu und doch offenbart er. Das reine Blatt
Papier und die unberührte Leinwand – was enthüllen sie in dir?
Der frisch gefallene Schnee … kalt, weiß – in der Dämmerung
schimmert er bläulich und rosa... und unter dem Schein der
Mondsichel... was ein Betrachter alles darauf projizieren kann. Sieht
ein Betrachter hinter der Glasscheibe im warmen Zimmer den Schnee
anders als der Spaziergänger, als der zur Arbeit Fahrende, als die
auf einen Brief Wartende. Ich sitze am Fensterplatz vor dem PC und
schreibe meine Gedichte, Gedanken, Gefühle des Vorjahres ab. In der
Vase neben mir der weiß blühende Barbarazweig der Kirsche. Es
schneit. Über die Gehwege kratzen die Kanten der Schneeschaufeln,
die weiße Deckschicht wird vom Asphalt geschält, die schwarze
Platte dreht sich unter der Nadel, die das Forellenquintett in der
spiralförmigen Rille abtastet... In einem Bächlein helle …
Klavier, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass plätschern unter
der Schnee- und Eisschicht … meine Fingerspitzen plätschern über
die Tastatur … Viola … das Mädchen, das im Nachbarhaus wohnte...
Viola … das Veilchen, das auf dem Elsterdamm blüht... im März und
nicht im Januar... ich schreibe seit Stunden und bin doch gerade
einmal im März ~
Yana Arlt
Gottfried
Keller
Im Schnee
Wie naht
das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt
der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!
Verschwunden
ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß,
der fliehende,
Im Schneefeld naß und kalt.
Wohl dem, der
nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz
beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!
Wo,
traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein
perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!
