Montag, 12. Januar 2026

Inspirieren lassen ~ barfuß im Schnee

 

Bist du schonmal barfuß duch den Schnee gegangen? Ich meine, ganz bewusst, nur ein paar Schritte vielleicht, über den frisch gefallenen Schnee.
Hast du schon einmal vor einem weißen Blatt gesessen? Ich meine, ganz bewusst, mit einer Idee für ein Gedicht oder einen Brief. Nur ein paar Worte vielleicht, auf das weiße Papier.
Hast du schon einmal vor einer Leinwand gestanden? Ich meine, ganz bewusst, nur ein paar Farbstriche, auf der blanken Leinwand.
barfuß
barhändig
barhäuptig
barherzig
keinen Schutz zwischen dir und deinen Fußsohlen, deinen Fingerspitzen, deinem Kopf – mit Haut und Haar, deinen Gedanken und Gefühlen. Kein Schutz deiner Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Der Schnee deckt letzttagig alles zu und doch offenbart er. Das reine Blatt Papier und die unberührte Leinwand – was enthüllen sie in dir? Der frisch gefallene Schnee … kalt, weiß – in der Dämmerung schimmert er bläulich und rosa... und unter dem Schein der Mondsichel... was ein Betrachter alles darauf projizieren kann. Sieht ein Betrachter hinter der Glasscheibe im warmen Zimmer den Schnee anders als der Spaziergänger, als der zur Arbeit Fahrende, als die auf einen Brief Wartende. Ich sitze am Fensterplatz vor dem PC und schreibe meine Gedichte, Gedanken, Gefühle des Vorjahres ab. In der Vase neben mir der weiß blühende Barbarazweig der Kirsche. Es schneit. Über die Gehwege kratzen die Kanten der Schneeschaufeln, die weiße Deckschicht wird vom Asphalt geschält, die schwarze Platte dreht sich unter der Nadel, die das Forellenquintett in der spiralförmigen Rille abtastet... In einem Bächlein helle … Klavier, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass plätschern unter der Schnee- und Eisschicht … meine Fingerspitzen plätschern über die Tastatur … Viola … das Mädchen, das im Nachbarhaus wohnte... Viola … das Veilchen, das auf dem Elsterdamm blüht... im März und nicht im Januar... ich schreibe seit Stunden und bin doch gerade einmal im März ~

Yana Arlt




Gottfried Keller

Im Schnee

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld naß und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!