~ Alexander Kiensch ~
An Brigitte
So richtig
habe ich dich nie
gekannt
Und ob du
mir das glaubst oder nicht
das hat mir
immer schon
ein bisschen leidgetan
Im Krieg zur Welt
kommen
Aufwachsen in Stunde Null
Fünf Kinder aufziehen
ganz
alleine
Wie hättest du mich mehr
beeindrucken können
Dabei
fehlte uns stets
die Nähe
die du dankenswerterweise
von
deinen anderen Enkelkindern
bekommen konntest
die deine
Interessen teilten
deinen Musikgeschmack
und deinen
Tagesablauf
unsere Besuche
so gezwungen sie auch manchmal
waren
gehörten doch
zu meinen tiefsten Ritualen
und das
Wenige
das uns verbindet
werde ich wirklich vermissen
das
weiß ich nicht erst jetzt
Ob das allweihnachtliche Singen
von
„Oh Tannenbaum“
– immer nur
die erste Strophe –
oder
der geschenkte Rotwein
den ich Biertrinker
meinen Gästen gut
kredenzen konnte
Ob wir wollten oder nicht
wir sind
und
bleiben
ein Teil unserer Leben
und das war
für mich
auf
seine ganz eigene Weise
sehr schön
~ Eckhardt Stein ~
~ Alexander Kiensch ~
An Margaret
Zwischen den
Sonnenblumen
fandest du Ruhe
ein letztes Mal
Kein
Erschrecken mehr
über deine Anfälle
Kein Widersprechen
deinen
herrischen Befehlen
kein Augenrollen
wegen deiner schrulligen
Ideen
Nur noch Erinnern
an Streitereien und
Nervenkriege
lange Autofahrten und Züge nach Magdeburg
Berge
an Süßigkeiten und gemeinsame Weihnachtsabende
Wovon soll
ich noch reden
wenn ich von dir rede?
Der selbstgemachten
Tomatensoße?
Deiner Freude über jeden Anruf?
Den vielen
Sommerferien
bei dir und Opa?
Quelle so vieler
wunderbar
nostalgisch verklärter Kindheitserinnerungen
Ja, okay
zu
Ostern gab es stets
den Papstsegen im Fernsehen
während des
Kaninchenbratens
den du den ganzen Vormittag
vorbereitet
hattest
Aber warst du deshalb
wirklich tief christlich
wie
der Pfarrer bei seiner Rede behauptete?
Kannte er dich besser?
Das
möchte ich bezweifeln.
Vielleicht nur anders
Nur diesen einen
Aspekt von dir
Und ich?
Welche kannte ich?
Wie
viele?
Die liebende Großmutter
Fordernde Mutter
mitunter
harte Schwester
vor allem aber
immer und ausnahmslos
der
Familie verpflichteter Mensch
Deshalb fehlst du so sehr
und
ginge es nur darum
mir ein Taschentuch zu reichen
für die
Tränen
beim Schreiben dieses Textes
Du bist nicht mehr
da
aber vergessen
vergessen wirst du
noch sehr sehr lange
nicht
