Donnerstag, 13. Mai 2021

Michael Georg Bregel "Der Eisvogel" "Schneckradiert" / Irina Wache "Hausschnecke" / Schaufenstergalerie "150. Geburtstag Christian Morgenstern"

~ MICHAEL GEORG BREGEL ~

 


Der Eisvogel


Franz Vogel ging es schlecht wie nie,
er saß auf seinem Zweig - hatschi! -
und schniefte sich 'nen Ast, jawoll,
Franz hatte echt den Schnabel voll!

Ein jeder kam mit guten Tipps,
mit Eierpunsch und Glühweinschwips.
Franz nickte, keuchte, dacht' - hatschum! -
ihr haltet mich für vogeldumm!

Ich picke weder Vitamine,
noch Honigwaben frisch von Biene,
Gesundkram hass' ich sowieso,
küsst mir doch alle den – hatscho!

Aufwärmen soll ich mich? Hatsche!
Die dickste Decke ist aus Schnee!
Mein kühler Bürzel wird schon wieder,
wozu hat man sein Prachtgefieder?

Der Franz vergaß beim Lamentieren:
Das kalte Er- kommt nach dem Frieren.
Als man ihn fand, war er längst blau,
der Schnabel Rotzefrost – hatschau!

 

 

Schneckradiert

 

Na, was treibst du da, du Reimer?
Fragt die Schnecke, und der Schleimer
kriecht einmal quer übers Blatt.
Tja, was dort gestanden hat
ist jetzt nur noch schwarze Schliere.
Denn anders als andre Tiere
geht Schneck nicht auf allen Vieren,
kann jedoch ganz gut radieren.

 


 

 

~ IRINA WACHE ~

Irina Wache
"Hausschnecken" / Stoff / 2021
 

Gespräch einer Hausschnecke
mit sich selbst

Christian Morgenstern

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hausenitraus
Hausenaus
Rauserauserauserause ...

(Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, daß sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muß.)