Wie lange wird es bestehen, das Bild
aus Schottersteinen und Zweigen? Wie lange wird es bestehen, das
Gemälde an der Kirchenwand? Wie lange wird es bestehen, das Motiv
aus Zeichenkohle, aus Pastelkreide auf dem Blatt Papier? Wie lange
wird es bestehen, das Gefühl der Gemeinschaft, der Verbundenheit,
dass in 3 Tagen entstanden ist? Wie lange wird es bestehen, das sich
umsorgt und gestärkt wissen? Wie lange wird es bestehen, das Wissen,
Teil von etwas Großartigem gewesen zu sein. Wie lange bleibt man
nach einem sorgsam bereiteten Mahl satt? Sättigt auch etwas lieblos
Zubereitetes? Wie lange wird es bestehen, das Unbehagen oder die
Traurigkeit nach der Geschichte, in der es um Verletzung, Trauma,
Abschied, Tod und unauslöschliche Schrammen und Blessuren in der
Erinnerung geht? Wie lange wird es bestehen, das Nachhallen von
freundlichen Worten, vom letzten Kirchenglockenschlag, von den ewig
sich wiederholenden Annekdoten der Jugend?
Die vielen
Lebensgeschichten überwältigen mich, als wir bei Würstchen und
Melonenstücken am Abendbrottisch sitzen, der doch gerade noch ein
Arbeitstisch für Bilder aus Blättern, Steinen, Blüten, für
Zeichenkohle und weißes Papier, für historische Fotos waren. Ich
versuche zu filtern, zu sortieren... im Zelt ist es warm, draußen
geht unablässig der warme Sommerwind. Die Kirche ist kühl aber
nicht ruhig. Der Hund auf dem Nachbargrundstück versucht mit den
Fremdlingen ins Gespräch zu kommen. Überall ist Bewegung – sogar
die Zeiger der Kirchturm drehten sich in rasantem Tempo. Ich kann
nicht ankommen. Wo ist mein Platz? Welche ist meine Aufgabe? Ich
spaziere mit der Tassee Kaffee um die Kirche, setze mich auf das
Stückchen ungemähte Wiese … wie wundervoll die Grüntöne des
Linden- und Robinienlaubs, die sandfarbenen trockenen Gräser, hier
und da Stängel von Scharfgarbe und wildem Schnittlauch, Sauerampfer
und Sternmiere. Wie sich die Gräserrispen und Baumkronen auf der
helbraunen Oberfläche des Kaffees spiegeln. Die ganze Welt in einer
Tasse. Aber ich habe keine Zeit und auch keine innere Ruhe für
diesen Genuss. Ich stehe auf, nehme einen großen Schluck des
milchig, bitter-säuerlichen, kalten Getränks, sammle etwas der
Flora und schlendere zurück zum Zelt. Dort bereite ich ein
LandArt-Arbeitstisch vor für diejenigen, die aus verschiedensten
Gründen nicht auf der Wiese unter den Linden arbeiten können oder
wollen. Graue Steinchen werden im Verlauf des Nachmittags noch hinzu
kommen, grüne und vertrocknete Samenstände des Flieders, Stängel
von Melde und Zweige... Ich selbst lege „Kunst in den Weg“ -
gestalte auf dem Weg vom Gemeindehaus zum Kirchenseiteneingang ein
Bild. Es wird sich verändern über Nacht, es wird von manchen
Besuchern entdeckt, von anderen nicht wahrgenommen, es gibt sogar
einige, die das Motiv erst als Foto auf der Bilderleine in der Kirche
zur Abschlusspräsentation am Sonntagnachmittag entdecken und es gibt
auch Gäste, die die verrutschten Strahlen aus kleinen Zweigstücken
behutsam korrigieren. Vielleicht werde ich Irmhild Wahren bitten, ab
und zu mal nach dem „Mond“ zu schauen, mir vielleicht ein Foto
von den Veränderungen zu schicken. Vielleicht. Denn nichts besteht
ewig. Die Musik verklingt. Die Blätter fallen herab. Die Blüten
welken. Die Tagebaue sind ausgekohlt. Das Bild der Spirale aus
Lindenblättern ist verweht. Die Würstchen, das Brot, die
Kräuterbutter sind verspeist. Die Lebens-Geschichten sind gelebt,
erinnert, erzählt, vergangen … und tauchen wieder auf in den
Versen der Dichter, in den Liedern der Musiker, in Romanen der
Autoren und in den Abzeichnungen einer mittelalterlichen Wandmalerei.
Yana Arlt
Corey
Ich
kam nach Hause. Aber die alte Welt gab es nicht mehr und die neue
hatte noch keinen Platz für mich. So war ich nichts als ein Besucher
in einem Museum, der an der Kasse eine Gebühr für den Zutritt zu
jenen Räumen entrichtete, in denen er seine Kindheit und Jugend
verbrachte. Ein öffentlich zur Schau gestelltes Leben hinter Kordeln
aus rotem Samt. Diesen Anblick ertrug ich nicht lange. Ich verließ
das Schloss und zog ganz in der Nähe in das Haus eines gänzlich
unbekannten Dichters, der kürzlich verstorben war, und der die Wände
seiner Zimmer mit Zynismus getäfelt hatte.
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