Ich spüre seinen Widerstand. Seine
Ablehnung. Das kann ich doch nicht... Passt das zu so einem Ort?
Werden es die Menschen verstehen? Nein, es sind keine
„Wohlfühltexte“, die ich aus der Reihe „Almanach“ für unser
Leseprogramm am 2. September im „Cultara“ herausgesucht habe. Ich
habe bewusst auf die Texte verzichtet, die jeder von uns schon einmal
und öfter gelesen hat. Über die Zeit hat sich eine bestimmte
Vortragsweise entwickelt. Pausen. Stimmhebungen und -senkungen.
Lesetempo. Pausen. Immer wieder Pausen! Pausen sind wichtig, um das
Gelesene wirken zu lassen, ankommen zu lassen. Am Sonntag habe ich
etwas getan, das ich lange vor mir herschob. Ich habe das Programm
für den Leseabend geschrieben, der das Lausitzer Lyrikfestival XIV
eröffnet. Selbst ich fühle mich nicht wohl mit allen Texten, die da
auf dem Zettel stehen. Aber genau das ist es wohl, es sollen die
Texte gelesen werden, die jahrelang stiefmütterlich behandelt
wurden. Der „Almanach“ ist für mich so etwas wie ein
„Backstagebereich“. Hier veröffentliche ich Texte, Bilder,
Experimentelles, das nirgendwo sonst einen Platz hätte – wohl
wissend, dass diese Buchreihe nie hohe Auflagen und Verkaufszahlen
erreichen wird. Vielleicht kenne ich sogar Jeden, der ein oder
mehrere Exemplare in einem Regal oder Schrank stehen hat mit seinem
Namen. Nur dieses Wissen macht mich mutig. Mutig, Texte, Ideen,
Skizzen, Bilder zu veröffentlichen. Ich weiß nicht, wie es
Alexander Kiensch, Stefan Reschke, Nanette Kubusch und Wolfgang Wache
geht, ob auch diese AutorInnen des „Autorenkreis Kornblumen“
sagen: Ach komm, für den Almanach passt es doch. Ich mag, wie sich
diese Buchreihe zu einem großen Spielzimmer entwickelt hat. Oder ist
es eher ein „Fundbüro“? Ja, auch alte Texte, die immer noch
Gültigkeit besitzen aber nie gedruckt in die Öffentlichkeit
gerieten, haben hier einen Platz. Manchmal werden sie dann von ihren
Schöpfern selbst vergessen. Aber das ist ja das Faszinierende, wenn
ich ein Leseprogramm schreibe, ich entnehme dem Sammelsurium genau
diese kleinen Stücke, die fast schon Rost angesetzt haben. Das steht
es nun auf meinem handgeschriebenen Zettel: Wolfgang Wache „besteln“
/ „Almanach 2017“ Seite 14. „Es ist wie Weihnachten“, meint
Wolfgang, „ich weiß nicht, was für einen Text du da rausgesucht
hast.“ Er schlägt das Buch auf, überfliegt den Text. Ok.,
Begeisterung sieht anders aus. Er nickt. Ich schaue auf die Uhr, um
die Lesezeit zu notieren. Los:
Vorbei an den Fragmenten einer
Verneinung / Vorbei an den Rückständen einer Verneinung...
Er verhaspelt sich. Das ist
nicht schlimm, er hat diesen Text noch nie laut gelesen.
Poetisch-philosophische Wortspiele. Nicht jeder kann Frederic Chopin
„vom Blatt spielen“ - scheinbar nicht einmal der Komponist
selbst. 2 Minuten 10. Nein, es ist wahrlich kein Wohlfühltext! Nicht
für den Autor und nicht für das Publikum. Dann lese ich den Text,
den ich als ersten von meinen ausgesucht habe. Ich erkläre ihm, wie
ich den Aufbau des Abends geplant habe. Irgendetwas arbeitet in
Wolfgangs Kopf und ich weiß nicht, ob es zu meinen Gunsten ausfällt.
Wir sprechen das Programm durch, einmal komplett, lesen alle Texte,
stoppen die Zeit. Es ist verrückt, in Gedanken sehe ich uns dort
schon in Carlas Cafe sitzen, lesen, ich sehe wie das Publikum zuerst
skeptisch guckt (Stichwort: der Prophet im eignen Land) und sich dann
auf unser Konzept einlässt. Und Wolfgang? Lässt er sich auf dieses
Experiment ein? Vertraut er mir und meinem Gespür für seine Texte?
Nimmt er meine Vorschläge an und macht sich noch einmal neu mit
seinen Worten vertraut? Wenn wir die Texte lieben, die wir lesen,
dann vermitteln wir sie auch auf unsere ganz besondere Weise, dass
man zuweilen ein Kichern oder ein Seufzen in den Publikumsreihen
hören kann.
Yana Arlt
Ulla Hahn
Da
liegt es
das stillschweigende Buch
wartend dass ich es
zum
Jubeln bringe
Amseln
im Apfelbaum
buchstabenschwarz
zwischen
den Blüten
Verheißung
schwarz auf weiß
Textquelle:
https://tausendléxi.de/stille-trommeln-ulla-hahn