Ich sitze auf der Bank im Hof, es ist
Sonntagmorgen, die Schale Milchkaffee wärmt meine Hände ~ Ich höre
den Herzschlag der Stille in meinen Ohren. Zwischen meinen nackten
Zehen kitzelt ein Grashalm, den ich beim Spaziergang über die Wiese
aufgelesen habe. Ein Grünspecht. Fünf Kraniche. Zwei Krähen. Kein
einziger Windhauch. Oktoberduft. Ein Elsterschackern. Ich schließe
die Augen – atmen. Atmen. Ich darf das Atmen nicht vergessen.
Oktoberduft. Ich schaue auf den Maulbeerbaum. Er ist noch voller
Blätter. Und da wallt sie noch einmal in mir auf – die Trauer. Die
Trauer über den Verlust eines Menschen. Atmen. Es gab nicht viele
Früchte in diesem Jahr. Von keiner Frucht gab es „viele“ - kaum
Äpfel, einige Trauben, kaum Pflaumen, wenige Kastanien, einige
Kirschen... nicht viele aber köstliche. Kaum Maulbeeren. Vielleicht
muss ich aber noch mehr Äste ausschneiden, die Krone noch mehr
lichten. Das Besondere an Maulbeeren ist, dass sich am selben Zweig
Früchte in vollkommen unterschiedlichen Reifestadien befinden. Jeden
Morgen musst du mit deinen Blicken die Zweige abstreifen und die
tiefdunklen Früchte pflücken. Viele landen trotzdem im Gras unter
dem Baum, zwischen den Stängeln von Pfingstrose und Taglilie. Die
Zeit der Früchte ist längst vorbei. Ich weiß nicht, wann der
Sommer sich verabschiedet hatte – wann ist es Herbst geworden? Ich
blättre im Kalender zurück, blättre durch die Notate und durch die
Fotos. Irgendwo zwischen erster Kirsche und letzter Rosenblüte ist
etwas verloren gegangen. Oder wurde es verdrängt von etwas
Hinzugekommenem? Oder hat sich etwas Bewahrtes verwandelt? Die Trauer
ist mehr als Herbstmelancholie an diesem stillen, bewölkten
Sonntagmorgen. Sie lässt ihre Trauer nicht auf ihr Gesicht treten.
In ihren Worten höre ich so viel Bitternis und Wut. In ihrer Stimme
ist die Trauer zu hören. Die Trauer kann laut sein – in einem
zynischen Lachen. Wie lang ist es her, dass sie von den
Maulbeerbäumen in ihrem Garten erzählte und der mit ihr am Tisch
saß, witzelte über Maulschellen. Die weißen Maulbeeren und die
schwarzen und überhaupt: der Garten! All das, was sie vorhat und was
sie stets neu entdeckt. Ich weiß nicht ihren Namen,und nur winzige
Satzfetzen aus ihrem Leben. Was uns verbindet, ist die Zeit im Cafe.
Der gleiche Tag zur gleichen Zeit, jeder möglichst an seinem
„Stammplatz“. Wenige Male haben wir uns gegrüßt. Vielleicht als
Versicherung, dass alles wie gehabt ist. Eine Zuverlässigkeit. Eine
Verbundenheit. Habe ich sie je allein am Tisch sitzen sehen? Lange
war ich nicht an diesem Tag, zu dieser Zeit, an diesem Platz... nun,
nach Wochen, Monaten, Jahren(?) saß ich wieder dort, Kaffee und
Gebäck vor mir auf dem Tisch, dem Tisch, der nicht mein „Stammplatz“
ist. Und am Nebentisch dieser Mensch voller Wut, Erschöpfung und
überwältigender Trauer. Ich versuche aus diesem Wollknäul einen
roten Faden zu spinnen, einen Faden, der sich beim Anblick des
Maulbeerbaums um meinen Brustkorb schnürt. Atmen. Es ist nicht meine
Trauer. Es ist nicht meine Wut. Atmen. Einen Schluck des Kaffees
nehmen. Sich zu dem Spatzentschilpen gesellen und eine Runde mit den
Wildgänsen fliegen. Ich denke an Seidenraupen. Seidenraupen werden
mit Maulbeerblättern gefüttert. Verschiedenste Raupen und Falter
haben sehr spezifische Nahrungspflanzen. Eine Raupe des
Maulbeerspinners frisst drei Wochen lang Maulbeerblätter, der Faden,
mit dem sie sich dann verpuppt/ einspinnt ist 1.500 Meter lang. Für
1 kg Seide braucht man 5000 Raupen, die ca. 180 kg Blätter fressen
(das ist das Laub von ungefähr 25 Bäumen), die 9 kg Kokons werden
in heißes Wasser geworfen, damit die Raupen absterben, denn würden
die Falter aus dem Kokon schlüpfen, würden sie dabei den Faden
zerstören, der sich dann nicht mehr in einem Stück abspulen ließe.
(mehr
über Seide erfahren) Seide ist ein sehr besonderer Stoff – in
Geschichte, Herstellung, Verarbeitung und selbst über den Träger/
die Trägerin von Kleidung aus Seide gefertigt, sagt es etwas aus.
Neben ganz praktischen Auswirkungen wie Hautfreundlichkeit,
Geruchshemmung und kühlendem Effekt, sind es auch energetische
Schutzfunktionen, Förderung des kreativen Flusses, der Seidenstoff
steht für Metamorphose, Reinheit und Eleganz. Um den spirituellen
Wert von Seidenstoffen zu erhöhen, gibt es auch gewaltfreie
Produktionsabläufe – also ohne das Abbrühen der Kokons.
Ich
möchte ihr ein Tuch, einen Schal aus Seide kaufen und sie ermuntern,
Rat bei den Maulbeerbäumen einzuholen. Diese ganz spezielle
Blattform der Maulbeere... halten Sie sich an diese Einzigartigkeit,
lassen Sie die Blätter los und auch die Früchte, vertrauen Sie auf
das kommende Frühjahr, vertrauen Sie den Schmerz, die Wut, die
Trauer dem Maulbeerbaum an. Aber ich kenne sie ja nicht. Ich habe kein Recht mich derart in ihr Leben zu drängen.
Yana Arlt
Maulbeeren
schwarz weiß
hinter dem Haus im Garten
Im Haus ist es
still
Yana Arlt
Notate 2026

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