Wolfgang Wache
Poetische
Anleitung – „Zwischen
Sein und Traum“
(für
meinen Workshoptext)
Ich
trete an die Leinwand wie an eine Schwelle. Zwischen dem, was ist,
und dem, was werden will. Zwischen Abdruck und Ahnung. Zwischen Spur
und Schweigen.
Die
Kartoffel liegt in meiner Hand wie ein kleines Stück Erde, ein
Körper, der Formen freigibt, wenn ich sie aus ihm herausschneide.
Ich schnitze kein Motiv – ich befreie eine Möglichkeit. Ein
Fragment. Ein Zeichen. Ein Echo.
Jeder
Druck ist ein Moment des Vorhandenseins. Ein „Ich war hier“. Ein
„Ich bin noch“. Ein „Vielleicht bin ich nur ein Traum“.
Die
Acrylflächen öffnen Räume, in denen sich das Gedruckte verlieren
darf. Farben fließen wie Gedanken, die sich nicht festhalten lassen.
Die Stempel wiederholen sich wie Erinnerungen, die sich selbst
erzählen, bis sie zu etwas Neuem werden.
Ich
arbeite nicht gegen den Zufall. Ich lade ihn ein. Denn im Traum ist
nichts gerade, und im Sein ist nichts endgültig.
So
entsteht ein Bild, das nicht erklärt, sondern fragt: Was ist Sein?
Was bleibt? Was träumt uns?
Arbeitsabläufe
in der Ich-Form – für
dich als Künstler
1.
Vorbereitung – Ankommen im Thema
Ich
lege meine Materialien bereit: Kartoffeln, Messer, Acrylfarben,
Pinsel, Schwämme, die ovale Leinwand. Ich atme kurz ein und aus und
lasse das Thema in mir aufsteigen: Sein.
Vorhandensein. Traum.
2.
Kartoffelstempel schnitzen – die Form befreien
Ich
nehme eine Kartoffel und schneide sie in zwei Hälften. Ich schnitze
eine einfache, archetypische Form: ein Oval, ein Auge, ein
Labyrinthfragment, eine Welle, ein Kreis mit Lücke. Ich denke nicht
zu viel – ich lasse die Form entstehen. Sie soll ein Symbol sein,
kein Bild.
3.
Acrylflächen anlegen – Traumräume öffnen
Ich
beginne mit weichen, fließenden Acrylflächen. Ich arbeite mit
Übergängen, Lasuren, Nebel, offenen Räumen. Ich lege Zonen an, in
denen das Gedruckte später auftauchen oder verschwinden kann. Ich
male nicht Dinge – ich male Atmosphären.
4.
Drucken – Spuren setzen
Ich
färbe den Kartoffelstempel ein und setze die ersten Drucke. Ich
wiederhole sie, verschiebe sie, drehe sie, überlagere sie. Ich
drucke bewusst und unbewusst. Ich lasse Lücken, Brüche, Unschärfen
zu. Jeder Abdruck ist ein Moment des Seins.
5.
Überlagerung – Traum und Realität mischen
Ich
drucke in trockene und in nasse Acrylflächen. Ich lasse manche
Drucke verlaufen. Ich setze andere klar und scharf. Ich beobachte,
wie Traum und Spur miteinander sprechen.
6.
Linien und Akzente – Bewusstsein einziehen lassen
Ich
ziehe feine Linien mit einem dünnen Pinsel oder Holzstab. Ich setze
kleine Akzente, die wie Gedankenfäden wirken. Ich verbinde Drucke
miteinander oder trenne sie. Ich lasse das Bild atmen.
7.
Letzte Setzungen – das Bild entscheidet
Ich
trete zurück. Ich schaue. Ich frage das Bild, was es noch braucht.
Vielleicht einen letzten Druck. Vielleicht eine Fläche. Vielleicht
nichts mehr.
8.
Abschluss – das Bild als Frage
Ich
lasse das Bild stehen wie eine offene Tür. Es muss nichts erklären.
Es darf fragen: Ist
Träumen Leben?
Ist
Leben ein Traum?
Was
bleibt von uns als Spur?
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Ich war von Anfang an
dabei! Die Idee, mit Kartoffeldruck ein abstraktes Bild zu gestalten,
die ovalförmige Leinwand, die ich in unserem Atelier fand, das
Schnitzen der ersten Kartoffelstempel, der erste Farbauftrag auf die
Leinwand, das Bild wie es am Sonntagabend aussah... dann die
Überraschung am Montagmittag. Wolfgang hatte eine halbe Stunde im
Atelier an dem Bild gearbeitet – eigentlich hat es die ganze Nacht
in ihm gearbeitet: Irgendetwas fehlt noch. Dann zeigte er es mir:
Jetzt ist es fertig! Ich hatte sofort eine Verbindung zu dem Bild.
Was war es, was mir so vertraut vorkam? Was berührte mich so sehr?
Und dann kam ich drauf: Die Holzbalkentore im Ringheiligtum vonPömmelte. Ich fand im Internet ein paar Aufnahmen dieser
rekonstruierten frühbronzezeitlichen Anlage und zeigte sie Wolfgang.
Es gibt Formen, Symbole, die über Jahrtausende in uns wohnen...
die Planetenbahnen um die Sonne sind eliptisch, das Ringheiligtum ist
kein perfekter Kreis (und von der Aussichtsplattform aus
fotografiert, erscheint es oval). Selbst die (Oster)Eier, die von
neuem Leben künden, sind oval. Schaut euch um, wo entdeckt ihr ovale
Formen?
Und nun, da sich uns dies alles auftat, lest noch einmal
den Workshoptext von Wolfgang Wache, den er bereits vor Wochen als
Leitfaden für seine künstlerische Arbeit schrieb. ~ Yana Arlt
