Ja, es ist warm – es ist sogar
heiß.
Ja, die blutdurstigen Viecher beißen ganze Stücken aus
meiner Wade.
Ja, ein Einzelner ist nicht zu klein, sondern kann
viel erreichen – denk an die Mücke im Schlafzimmer.
Ja, es hat
jemand dir den letzten Ventilator vor der Nase weggeschnappt und ist
zur Kasse geeilt, als hätte er Goldnuggets im Fluss gefunden.
Ja,
die Menschen verlieren ihre Intelligenz – pardon, die kognitive
Leistungsfähigkeit – bei jedem Grad, das es wärmer als 22°C
draußen wird.
Ja, die Strände am Badesee sind überfüllt –
jeglicher Aufenthaltsort im Schatten ist heiß umkämpft (heiß
umkämpft – der ist doch aber gut ;-)
Ja, werte Verkäuferin
im Blumenfachgeschäft, mir ist warm in der leichten Jacke – aber
mir ist auch warm, wenn ich sie ausziehe.
Ja, es liegen Leute die
ganze Nacht im Schlafsack am See und bauen verbotenerweise auch Zelte
auf.
Ja, ich möchte bei diesen Temperaturen einen doppelten
Espresso und keinen Eiskaffee.
Ja, wir machen unter strengsten
Sicherheitsvorkehrungen zur Sommersonnenwende ein Holzfeuer in der
großen Schale, trommeln, singen – warum tanzen wir nicht?
Ja,
wir räuchern mit Salbei die Orakelkarten und wundern uns – auch
nach Jahren des immer gleichen Rituals - über die Treffsicherheit
der Aussagen der Karten.
Ja, wir schneiden geradezu feierlich die
Weihnachtsschokolade an... denn er ist nicht lang, der Sommer; die
Nächte, in denen uns Glühwürmchen in den Schoß fallen; die frühen
Morgende, an denen uns der Kuckuck weckt und die Abende, an denen die
Mauersegler um die Häuser kreisen wie die Zeiger der großen
Kirchturmuhr. Er ist nicht lang der Sommer und bald werden sich das
Öl und der Doppelkorn rot gefärbt haben von den Blüten des
Johanniskrauts. Dieses magische Kraut, das etwas Berauschendes in
eine heilkräftige Tinktur wandelt und mich zum Philosophen werden
lässt... alles, was ich aufnehme, wandelt mich. Manchmal ist es eine
kleine Veränderung – geradezu winzig und nur Menschen mit einem
feinen Gespür nehmen es „von außen“ wahr; ab und zu ist es eine
große Veränderung – im eigenen Denken und Fühlen, im Blick auf
sich selbst. Das Olivenöl bleibt ja Öl, extrahiert aus Oliven –
aber nun hat es die Kraft des Sonnenkrauts Hypericum perforatum
aufgenommen. Hypericin, Hyperforin, Flavonoide, Tannine... das klingt
aneinandergereiht schon wie ein Zauberspruch. Mythen ranken sich um
die gelben Sternchenblüten und die scheinbar perforierten Blättchen.
Auch im Kräuterkartendeck gibt es das Johanniskraut – das zieht an
diesem Abend keiner der Feiernden, auch den Salbei gibt es nur
verrauchend auf der roten Glut der ehemals beige- und braunfarbenen
Holzscheite. Rot ist im Sommer die vorherschende Farbe. Die
Fingerspitzen sind allmorgendlich rot vom Sammeln der goldenen
Blüten. Das Öl. Die Tinktur. Die Glut des Feuers. Die Erdbeeren,
Kirschen, Tomaten. Die schnell vergänglichen Mohnblumen. Die
Rosenblüten in meinem Garten. Man möchte unaufhörlich Oden
schreiben an all die satten, leuchtenden Farben; an die Düfte und
Aromen. Ein letztes Stück der „Süßen Weihnachtsgrüße“ liegt,
eingewickelt in das silberne Papier, in meinem Korb, neben einigen
restlichen Mozarella-Tomate-Spießen und einem Kanten Ciabattabrot.
Die habe ich dann am nächsten Tag gegessen, belegt mit
Basilikumblättchen und beträufelt mit Olivenöl... da ist es wieder
das vielseitige Olivenöl. Lasst euch den Sommer schmecken!
Yana Arlt
Beim
nackten Tanz im Regen
verlaufen die Farben
der sorgfältig
platzierten
kleinen Karos
aus einem Text,
geschrieben während eines Gewitterregens nach heißen Tagen
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