Fenster ~ Scherben bringen . . . Erinnerung
Ihr kennt doch sicher die Formulierung:
„Über den Tellerrand schauen“ oder „Über den Tellerrand
hinaus denken“. Wilhelm Busch schrieb es so: „Mancher
kann nicht aus dem Fenster hinausdenken“ und im Film „Yentl“
singt die Hauptperson, gespielt von Barbara Streisand: „It
all began the day I found / That from my window I could only see / A
piece of sky / I stepped outside and looked around / I never dreamed
it was so wide / Or even half as high“ // „Alles
begann an dem Tag, als ich feststellte, dass ich von meinem Fenster
aus nur ein Stück Himmel sehen konnte. Ich trat hinaus und sah mich
um. Ich hätte nie gedacht, dass er so weit oder auch nur halb so
hoch war.“
Lust, noch ein
bisschen mehr zu „fensterln“?
„Wir
wären zusammen und hätten unsere Bücher und wären nachts warm im
Bett zusammen mit offenem Fenster und die Sterne leuchten.“ Ernest
Hemingway
„Du
sagst du liebst den Regen, aber benutzt einen Regenschirm. Du sagst
du liebst die Sonne, aber bleibst im Schatten wenn sie scheint. Du
sagst du liebst den Wind, aber schliesst das Fenster wenn er weht.
Deshalb habe ich Angst, wenn du sagst, dass du mich liebst.“
Bob Marley
„Glaube,
dem die Tür versagt, / steigt als Aberglaub' ins Fenster. / Wenn die
Götter ihr verjagt, / kommen die Gespenster.“
Emanuel Geibel
gefunden auf: https://beruhmte-zitate.de
Welch große
Verheißung liegt hinter einem Fenster. Welch fragwürdige oder
grauenhafte Dinge geschehen hinter verschlossenen Türen. Wie
furchtbar ist dieses Geräusch herabrauschender Jalousien. Nur
während der Advents- und Weihnachtszeit bleibt hier und da ein Spalt
frei, damit die Welt da draußen den elektrisch beleuchteten
Schwibbogen sehen kann, der auf dem Fensterbrett platziert ist.
Glasfenster schützen uns vor Kälte, vor Hitze, vor Regen, vor
Schnee, vor Wind, vor Hagel und doch scheinen das Licht unserer
Wohnzimmer- oder Küchenlampe, das Licht des LED-Sterns, die
flackernden Bildschirmlichter hinaus und das Licht der
Straßenlaternen, der vorüberfahrenden Autos, der Sonne, der Sterne
und des Mondes hinein. Es ist jemand da drinnen. Es ist jemand da
draußen. Joni Mitchell singt in einem Lied: „At
least the moon at the window / The thieves left that behind ~
Zumindest der Mond am Fenster / Das haben die Diebe zurückgelassen“.
Ich erinnere mich, wie wir Geschwister noch einmal durch das
Haus, die Wohnung gingen, in dem wir aufwuchsen... mit Fotokamera und
Schreibblock. Die Fenster und Türen waren bereits herausgenommen
worden, auch die Stallgebäude waren weggerissen, der Garten war
nicht wiederzuerkennen. Viel haben wir nicht geredet. Jahrelang habe
ich in Träumen das Haus immer wieder besucht – oder es mich? Im
Buch „ein Haus ~ zwei Leben“ wurden einige dieser Fotos
veröffentlicht... und Texte... die längst nicht alles erzählen
können. Wieder einige Jahre später, im Juni vor 5 Jahren,
gestalteten wir auf dem Margahof eine Performance mit Lesung, Tanz,
Trommel und Fotografie. Vielleicht hat an diesem Nachmittag nicht
jeder der Anwesenden mitbekommen, wie besonders diese Performance für
uns war und wie besonders es war, dass genau diese Menschen unser
Publikum waren.
Ein zerbrochenes Fenster, Scherben, Schnitte in
den Fußsohlen – Vergangheit, die immer noch schmerzt. „Nackt.
Entblößt geht er ins Sonnenlicht, das durch das zerbrochene Fenster
scheint. Die Glasscherben schneiden kleine Wunden in seine Füße.
Genau an der Stelle wo einst das gemeinsame Bett stand“,
so endet der Text „Der nackte Rücken“ von Wolfgang Wache. Es ist
einer meiner Lieblingstexte von ihm, den er auch bei unserem Programm
„M.E.N.S.C.H.E.N.P.U.N.K.T.E“ las. Es gibt einige Texte, die ich
immer wieder von ihm gelesen, anhören kann. Niemand sonst kann seine
Texte so lesen. Das gilt übrigens auch für Alexander Kiensch,
dessen Kurzprosa mich immer wieder fesselt. Ich erinnere mich an den
Text „Kompott“ - eine Geschichte eines verwaisten Kindes, das
sich Jahre später erinnert: „Manchmal,
wenn mich selbst heute noch die Traurigkeit unerwartet überkommt,
hilft es mir, daran zu denken, wie meine Lehrerin mich angesehen hat.
Dann sitze ich manchmal da, in meinem Sessel vor dem Fernseher oder
am Schreibtisch, starre vor mich hin und murmele: Es war ein Kompott.
Da bin ich ganz sicher.“
So
ein Stapel von alten, ausgebauten Fenstern erzählt viele Geschichten
– von den Orten, an denen sie Schutz eines Drinnen vor einem
Draußen boten... was diesseits geschah... was jenseits geschah.
Yana Arlt
Margaret Atwood
Ich blicke mich um, betrachte die Wände, das Fenster; alles ist wie früher, unverändert, aber die Umrisse sind verschwommen, als ob alles leicht verzerrt sei. Ich muss vorsichtiger mit meinen Erinnerungen umgehen, ich muss sicher sein, dass es meine eigenen und nicht die anderer Leute sind, Leute, die mir erzählen wollen, was ich empfand, wie ich mich verhielt, was ich sagte: Wenn die Ereignisse nicht stimmen, stimmen auch die Empfindungen nicht, die ich dabei hatte; ich werde anfangen, sie zu erfinden, und es gibt dann keine Möglichkeit mehr, das zu korrigieren, weil die, die mir helfen könnten, nicht mehr da sind, Ich überfliege schnell meine Version meines Lebens, überprüfe sie wie ein Alibi; es passt zusammen, es ist alles da bis zu der Zeit, als ich fortging. Danach ist mein Leben wie ein entgleister Zug, für einen Augenblick verliere ich es aus den Augen, es ist wie weggewischt; ich weiß nicht mal mein genaues Alter, ich schließe die Augen, was ist das? Die Vergangenheit zu besitzen, aber nicht die Gegenwart, das bedeutet, man fängt an senil zu werden. Ich kämpfe gegen die Panik, die in mir aufsteigt, ich öffne meine Augen gewaltsam, betrachte meine Hände, mein Leben ist darin eingeritzt. Ich öffne die Hand, und die Linien fließen auseinander. Ich konzentriere mich auf das Spinnennetz beim Fenster, in dem gefangene Fliegenkörper hängen, die das Sonnenlicht auffangen; die Zunge in meinem Mund bildet meinen Namen, wiederholt ihn wie ein Psalm… Dann klopft jemand an die Tür. "Gefangen, gefangen", sagt jemand, es ist David, ich erkenne ihn, Erleichterung, ich bin wieder da, wo ich hingehöre.
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