Montag, 9. März 2026

Inspirieren lassen ~ Fenster / Window / Fenêtre / Ventana / Fenestra / Finestra

Fenster ~ Scherben bringen . . . Erinnerung 

Ihr kennt doch sicher die Formulierung: „Über den Tellerrand schauen“ oder „Über den Tellerrand hinaus denken“. Wilhelm Busch schrieb es so: „Mancher kann nicht aus dem Fenster hinausdenken“ und im Film „Yentl“ singt die Hauptperson, gespielt von Barbara Streisand: „It all began the day I found / That from my window I could only see / A piece of sky / I stepped outside and looked around / I never dreamed it was so wide / Or even half as high“ // „Alles begann an dem Tag, als ich feststellte, dass ich von meinem Fenster aus nur ein Stück Himmel sehen konnte. Ich trat hinaus und sah mich um. Ich hätte nie gedacht, dass er so weit oder auch nur halb so hoch war.“
Lust, noch ein bisschen mehr zu „fensterln“?
„Wir wären zusammen und hätten unsere Bücher und wären nachts warm im Bett zusammen mit offenem Fenster und die Sterne leuchten.“ Ernest Hemingway
„Du sagst du liebst den Regen, aber benutzt einen Regenschirm. Du sagst du liebst die Sonne, aber bleibst im Schatten wenn sie scheint. Du sagst du liebst den Wind, aber schliesst das Fenster wenn er weht. Deshalb habe ich Angst, wenn du sagst, dass du mich liebst.“ Bob Marley
„Glaube, dem die Tür versagt, / steigt als Aberglaub' ins Fenster. / Wenn die Götter ihr verjagt, / kommen die Gespenster.“ Emanuel Geibel

gefunden auf: https://beruhmte-zitate.de

Welch große Verheißung liegt hinter einem Fenster. Welch fragwürdige oder grauenhafte Dinge geschehen hinter verschlossenen Türen. Wie furchtbar ist dieses Geräusch herabrauschender Jalousien. Nur während der Advents- und Weihnachtszeit bleibt hier und da ein Spalt frei, damit die Welt da draußen den elektrisch beleuchteten Schwibbogen sehen kann, der auf dem Fensterbrett platziert ist. Glasfenster schützen uns vor Kälte, vor Hitze, vor Regen, vor Schnee, vor Wind, vor Hagel und doch scheinen das Licht unserer Wohnzimmer- oder Küchenlampe, das Licht des LED-Sterns, die flackernden Bildschirmlichter hinaus und das Licht der Straßenlaternen, der vorüberfahrenden Autos, der Sonne, der Sterne und des Mondes hinein. Es ist jemand da drinnen. Es ist jemand da draußen. Joni Mitchell singt in einem Lied: „At least the moon at the window / The thieves left that behind ~ Zumindest der Mond am Fenster / Das haben die Diebe zurückgelassen“.
Ich erinnere mich, wie wir Geschwister noch einmal durch das Haus, die Wohnung gingen, in dem wir aufwuchsen... mit Fotokamera und Schreibblock. Die Fenster und Türen waren bereits herausgenommen worden, auch die Stallgebäude waren weggerissen, der Garten war nicht wiederzuerkennen. Viel haben wir nicht geredet. Jahrelang habe ich in Träumen das Haus immer wieder besucht – oder es mich? Im Buch „ein Haus ~ zwei Leben“ wurden einige dieser Fotos veröffentlicht... und Texte... die längst nicht alles erzählen können. Wieder einige Jahre später, im Juni vor 5 Jahren, gestalteten wir auf dem Margahof eine Performance mit Lesung, Tanz, Trommel und Fotografie. Vielleicht hat an diesem Nachmittag nicht jeder der Anwesenden mitbekommen, wie besonders diese Performance für uns war und wie besonders es war, dass genau diese Menschen unser Publikum waren.
Ein zerbrochenes Fenster, Scherben, Schnitte in den Fußsohlen – Vergangheit, die immer noch schmerzt.
Nackt. Entblößt geht er ins Sonnenlicht, das durch das zerbrochene Fenster scheint. Die Glasscherben schneiden kleine Wunden in seine Füße. Genau an der Stelle wo einst das gemeinsame Bett stand“, so endet der Text „Der nackte Rücken“ von Wolfgang Wache. Es ist einer meiner Lieblingstexte von ihm, den er auch bei unserem Programm „M.E.N.S.C.H.E.N.P.U.N.K.T.E“ las. Es gibt einige Texte, die ich immer wieder von ihm gelesen, anhören kann. Niemand sonst kann seine Texte so lesen. Das gilt übrigens auch für Alexander Kiensch, dessen Kurzprosa mich immer wieder fesselt. Ich erinnere mich an den Text „Kompott“ - eine Geschichte eines verwaisten Kindes, das sich Jahre später erinnert: „Manchmal, wenn mich selbst heute noch die Traurigkeit unerwartet überkommt, hilft es mir, daran zu denken, wie meine Lehrerin mich angesehen hat. Dann sitze ich manchmal da, in meinem Sessel vor dem Fernseher oder am Schreibtisch, starre vor mich hin und murmele: Es war ein Kompott. Da bin ich ganz sicher.“
So ein Stapel von alten, ausgebauten Fenstern erzählt viele Geschichten – von den Orten, an denen sie Schutz eines Drinnen vor einem Draußen boten... was diesseits geschah... was jenseits geschah.

Yana Arlt


Margaret Atwood

Ich blicke mich um, betrachte die Wände, das Fenster; alles ist wie früher, unverändert, aber die Umrisse sind verschwommen, als ob alles leicht verzerrt sei. Ich muss vorsichtiger mit meinen Erinnerungen umgehen, ich muss sicher sein, dass es meine eigenen und nicht die anderer Leute sind, Leute, die mir erzählen wollen, was ich empfand, wie ich mich verhielt, was ich sagte: Wenn die Ereignisse nicht stimmen, stimmen auch die Empfindungen nicht, die ich dabei hatte; ich werde anfangen, sie zu erfinden, und es gibt dann keine Möglichkeit mehr, das zu korrigieren, weil die, die mir helfen könnten, nicht mehr da sind, Ich überfliege schnell meine Version meines Lebens, überprüfe sie wie ein Alibi; es passt zusammen, es ist alles da bis zu der Zeit, als ich fortging. Danach ist mein Leben wie ein entgleister Zug, für einen Augenblick verliere ich es aus den Augen, es ist wie weggewischt; ich weiß nicht mal mein genaues Alter, ich schließe die Augen, was ist das? Die Vergangenheit zu besitzen, aber nicht die Gegenwart, das bedeutet, man fängt an senil zu werden. Ich kämpfe gegen die Panik, die in mir aufsteigt, ich öffne meine Augen gewaltsam, betrachte meine Hände, mein Leben ist darin eingeritzt. Ich öffne die Hand, und die Linien fließen auseinander. Ich konzentriere mich auf das Spinnennetz beim Fenster, in dem gefangene Fliegenkörper hängen, die das Sonnenlicht auffangen; die Zunge in meinem Mund bildet meinen Namen, wiederholt ihn wie ein Psalm… Dann klopft jemand an die Tür. "Gefangen, gefangen", sagt jemand, es ist David, ich erkenne ihn, Erleichterung, ich bin wieder da, wo ich hingehöre.