Ich kann wirklich nur von weiter Ferne eine Vorstellung dazu entwickeln, warum man ein Plüschtier wegwirft. Und dann nicht einmal weil es kaputt ist und nicht einmal in die Tonne und weg. Nein, in einer Plastetüte mit zerschlissenen, verschmutzten Kleidungsstücken. Einfach hingeworfen in den dunklen Hauseingang.
Kannst du eine Vorstellung dazu
entwickeln, warum man Kinder misshandelt/ missbraucht? Es gibt die
Generationen, die noch mit dem Gürtel vom Vater verprügelt wurden,
die sich mit Gleichaltrigen über die Art der Misshandlung
austauschten und sich sogar gegenseitig übertrumpften. Es gibt die
Generationen, die „ein paar hinter die Löffel“ bekommen haben,
weil sie zu langsam liefen oder die Hausaufgaben nicht schnell genug
verstanden und machten oder weil sie die Suppe nicht aufessen
wollten. Es gibt die Generationen, die angebrüllt wurden, weil sie
Nähe suchten, weil sie Hunger hatten und damit „genervt“ haben.
„Kindeswohlgefährdung“ das ist ein wahrhaftiger
Bürokratiebegriff, da muss man erst mal drauf kommen. 72.800 Fälle
im Jahr 2024 in Deutschland. Diese abstrakte Zahl ist so unfassbar.
Stell dir ein normales Streichholz vor. Standartlänge 4,8 cm. In
einer Schachtel liegen um die 38 Stück. Legst du 72.800
Streichhölzer hintereinander, ergibt das eine Strecke von 3,5
Kilometern. Du benötigst für diese Strecke ca. 1.916 Packungen
Streichhölzer. Um 3,5 Kilometer zu spazieren, brauchst du ungefähr
eine Stunde. Nein, ich denke das nicht. Obwohl diese 3,5 Kilometer
lange Streichhölzchenstrecke unglaublich lang ist, denke ich, dass
sie eigentlich noch viel länger ist. Dass viele Kinder gefährdende
Situationen und Verhältnisse gar nicht ans Licht kommen, gar nicht
bemerkt werden, nicht gesehen, nicht gehört werden. Ab wann ist das
Wohl eines Kindes gefährdet? Wir reden hier auch nicht nur von der
Gefährdung durch elterliches Verhalten. Es gibt Statistiken,
Analysen, Berichte, Fachkonferenzen, Forderungen, Pläne und immer
wieder........ zu wenig Geld! Zu wenig, um Hilfsangebote aufzubauen,
auszubauen, zu stabilen Angeboten zu machen – nicht nur für einen
Förderzeitraum von 3 Jahren … von 1 Jahr. Die ewige Bürokratie.
Die Zeit, die durch das Stundenglas rieselt... die Seelen, die im
Uhrengetriebe zerquetscht und zermahlen werden. Ein Häufchen
Unglück. Wer prägte diese Formulierung? Er hat Recht. Es gibt
Menschen, die sich aus den Bruchstücken und dem Staub wieder
zusammensetzen, die sich neu kreieren, neu deffinieren, neu
„erfinden“. In Japan gibt es die Kunst des Kintsugi, Scherben von
Porzellantassen, Steingutkrügen u.a. werden zusammengesetzt, geklebt
und die Bruchstellen, Risse und Sprünge in Keramiken werden mit
speziellen Metalllacken betont, so entstehen „Narben
aus Gold“. Bist du schon einem Menschen begegnet, bei dem du
solche Narben gesehen hast? Sie sind nicht immer offensichtlich, wie
bei einer zusammengesetzten Teeschale. Sie sind unscheinbarer.
Vielleicht nehmen auch nur andere Menschen sie wahr, die selbst
solche Narben tragen. Welche Narben trägst du? Versteckst du sie
oder zeigst du sie? Sprichst du über sie?
Verletzungen, Wunden,
Narben sichtbar zu machen, so könnte man die Plüschtieraktion von
Martin Schüler doch auch verstehen. Die Ausstellung mit
Plüschtieren, Briefen, Bildern u.a. soll am 11. März 2026 auf
Kindheit, auf Kindeswohlgefährdung und Kinderschutz aufmerksam
machen. Bis zum 9. März kann man seinen Beitrag noch schicken.
Yana Arlt
Übrigens, Albrecht, das Bärchen aus dem Hauseingangsflur, gebe ich nicht her! Aber der Teddy hat hier im „Ich schreibe!“ schon andere Plüschies kennengelernt, die nun ein neues Zuhause suchen. Also, möchtest du nach Cottbus und nach Berlin reisen, um Kindern Freude zu bereiten, um einem Kind ein Freund zu sein? Dann schauen wir jetzt mal, ob wir für dich einen Karton finden, den wir gut auspolstern mit Zeitungen und einem schönen Bogen weißem hauchzarten Papier – hauchzart wie japanische Teeschalen aus feinstem Porzellan.
| https://www.artschueler.com/pages/tagesordnung-kindheit-mitmachausstellung |

.jpg)
