Montag, 13. Februar 2023

Inspirieren lassen ~ Schritt für Schritt

 

Wie kann man am besten durch die Lebensgeschichte eines anderen Menschen spazieren? Wenn man sich etwas anschaut, etwas anhört, das ihm wichtig ist, das er gar selbst erschaffen hat. Man betrachtet aufmerksam ein Bild, das er in aufwändiger Arbeit gemalt hat. Man durchstöbert seine Fotoserien zu speziellen Themen. Man hört genau hin bei seinen Kompositionen und Liedtexten. Man blättert in seinen Textsammlungen – von Haiku bis Romantrilogie. Man verfolgt jede Geste seiner Tanzchoreographie. Man berührt seine Skulpturen und Plastiken und lässt sich berühren. Man steigt mit Augen und Ohren in seine Filme. Dieser andere Mensch. Dieser Andere. Der uns fremd ist. Der Unbekannte. Der Unerwartete. Was führt zwei Menschen zusammen? Ein Thema. Eine Idee. Ein Traum. Ein Empfinden. Ein Gefühl. Wie unterschiedlich PianistInnen Johannes Brahms' „Intermezzo op.118 Nr.2“ interpretieren. Und doch, die Art des Klavierspiels bringt bei dem einen in mir etwas zum Klingen oder Leuchten – bei dem anderen nicht. Wie wohl Brahms selbst dabei empfunden hat? Erfahre ich beim Hören etwas über den Musiker, der im Mai vor 190 Jahren geboren wurde? Johannes war verliebt in Clara, die war 14 Jahre älter als er und verheiratet mit Robert, mit dem sie auch sieben Kinder hatte. Eine verzwickte Geschichte. Muss Liebe zu einem anderen Menschen, zur Kunst, zur Natur ~ immer so kompliziert sein? Ist sie nichts „wert“, wenn wir uns nicht daran reiben, daran verzweifeln, daran verletzen?
„Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen.“ Worte von Søren Kierkegaard.
Gerade habe ich das Buch „Schritt für Schritt“ von Philipp Lumpp gelesen – und siehe, auch er fand zur Musik durch Leid und Schmerz. Zuerst einen ganz konkreten, körperlichen, eine Verletzung, der das weitere Betreiben des Kampfsports unmöglich machte, dann ein emotionaler, psychischer, seine Freundin trennte sich von ihm – hunderte Kilometer entfernt, per Telefon. Daraus entstehen doch die besten, die großartigsten Kunstwerke! Ihr KünstlerInnen der Welt, seid dankbar für Leid und Schmerz in eurem Leben! Leichtfertig dahin gesagt. Ist nun die Melancholie, die Traurigkeit, der Schmerz der natürliche Zustand? Oder sind es Freude, Glück und Harmonie? Bedingt das eine das andere? Wie lange hält man den Trübsinn, die Dunkelheit, die Niedergeschlagenheit aus? Philipp griff zur Gitarre, übte, nahm Unterricht, auch Gesangsunterricht, ließ sich zum Texten beraten, traf Menschen, die sein Musikmachen bereicherten, dann auch Menschen, mit denen Musikvideos entstanden... Was führt zwei Menschen zusammen? Ein Thema. Eine Idee. Ein Traum. Ein Empfinden. Ein Gefühl. Eine Sache wie sie hundertfach, vielleicht tausendfach täglich auf der Welt geschieht. Eine Begegnung. Eine Berührung. Ein Gespräch. An wie vielen solcher Gelegenheiten gehen wir vorüber? Wie viele Begegnungen beenden wir, ehe sie begonnen haben?

Yana Arlt


„Er [Jochen Thomas] hatte Recht. Ich war mittlerweile weiter als das Lied. Nachdem mir das klar wurde, schrieb ich den finalen Liedtext noch in derselben Nacht zu Ende. Ab diesem Zeitpunkt fühlte es sich komplett an. Zuerst die Erinnerung und die Trauer. Das Solo leitet dann einen Wandel ein. Einen Wandel hin zu Akzeptanz und Wohlwollen. […] Ich bin dankbar für jeden Moment, den wir zusammen verbringen durften und dankbar für alles, was ich fühlen durfte. Der Mann der ich damals war, der bin ich heute nicht mehr. Und auch hierfür danke ich Dir.“

Philipp Lumpp „Schritt für Schritt / 3 – Andauernd