Montag, 11. März 2024

Inspirieren lassen ~ zu wenig Platz

 

Es ist zu wenig Platz! Der Lebenslauf muss auf eine A4-Seite passen. Das gesamte Repertoir unseres Vereins „Ich schreibe!“ bringe ich in einer 8-seitigen Broschüre unter. Auf das Plakat sollte nicht zu viel Schrift eingefügt werden – besser ein Schlagwort, eine Grafik/ ein Bild, Datum und Ort und Schluss! Ich stehe mit dem Pack Blumenzwiebeln mitten im Garten und suche vergeblich noch freie Plätzchen zwischen Thymian und Heidelbeere, neben Roseneibisch und Pfingstrose. Die Bücher, die ich neu bestellt habe, kommen auf den wackeligen Stapel vor das prall gefüllte Regal. Ich freue mich so sehr über den wunderschönen Strauß zum Frauentag, aber wohin damit? Die Einsendungen zur Ausschreibung SEE sind überwältigend, aber ich habe für das Lyrikzin 7 nur ein begrenztes Seitenkontingent zur Verfügung. Die gefüllten Notatebücher der vergangenen 18 Jahre platzen aus allen Umschlägen und täglich kommt ein neuer Text hinzu. Auf dem Planeten Erde leben aktuell 8,17 Milliarden Menschen. 10,6 Millionen Hunde werden in Deutschland als Haustier gehalten, es gibt 2 Millionen Katzen, die als Streuner auf der Straße leben. Die Frauenhäuser in Deutschland können einer Studie zufolge an 303 Tagen im Jahr wegen Überlastung keine gefährdeten Frauen mehr aufnehmen. Etwa ein Drittel der Tafeln in Deutschland verfügen Aufnahmestopps bzw. setzen Bedürftige auf Wartelisten. Die Kleiderspendencontainer quellen über. Der Datenspeicher ist ausgereizt. Die Parkplatzsuche am Feierabend in der Nähe der Wohnung ist aussichtslos.
Es ist zu wenig Platz!
Ich möchte den Kopf mit all den Bildern von dir und ihr und ihm und euch und uns wie einen Staubsaugerbeutel über dem Mülleimer ausschütteln. Ich möchte all die Erinnerungen, durch die meine Emotionen und Gefühle geronnen und getröpfelt sind, wie den nassen, prallen Kaffeefilter aus der Maschine nehmen und wegwerfen.
Ich möchte Platz schaffen! Vakanzen sehen! Leerräume genießen!

Yana Arlt



Leere

Ulrich Schaffer 

 
Was du auch tust,
und wie stark du dich auch sehnst,
nie wird ganz ausreichen, was du hast.
An der Leere werden wir zu Träumern,
Entdeckern, Liebenden und Hoffenden.
Wenn du dich aber für Bitterkeit entscheidest,
dieses süße Gefühl, an der Welt zu leiden,
nicht wertgeschätzt und unverstanden zu sein,
dann schließt sich die Tür in die Weite.
Dann richtest du dich ein in dem, was du nicht hast,
und verpasst die Gabe der Sehnsucht:
die geheimnisförmige Leere,
die sich mit mehr füllt,
als du dir wünschen konntest.


Textquelle: www.aphorismen.de