Montag, 29. Juni 2026

Inspirieren lassen ~ Sommer

Ja, es ist warm – es ist sogar heiß.
Ja, die blutdurstigen Viecher beißen ganze Stücken aus meiner Wade.
Ja, ein Einzelner ist nicht zu klein, sondern kann viel erreichen – denk an die Mücke im Schlafzimmer.
Ja, es hat jemand dir den letzten Ventilator vor der Nase weggeschnappt und ist zur Kasse geeilt, als hätte er Goldnuggets im Fluss gefunden.
Ja, die Menschen verlieren ihre Intelligenz – pardon, die kognitive Leistungsfähigkeit – bei jedem Grad, das es wärmer als 22°C draußen wird.
Ja, die Strände am Badesee sind überfüllt – jeglicher Aufenthaltsort im Schatten ist heiß umkämpft (heiß umkämpft – der ist doch aber gut ;-)
Ja, werte Verkäuferin im Blumenfachgeschäft, mir ist warm in der leichten Jacke – aber mir ist auch warm, wenn ich sie ausziehe.
Ja, es liegen Leute die ganze Nacht im Schlafsack am See und bauen verbotenerweise auch Zelte auf.
Ja, ich möchte bei diesen Temperaturen einen doppelten Espresso und keinen Eiskaffee.

Ja, wir machen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen zur Sommersonnenwende ein Holzfeuer in der großen Schale, trommeln, singen – warum tanzen wir nicht?
Ja, wir räuchern mit Salbei die Orakelkarten und wundern uns – auch nach Jahren des immer gleichen Rituals - über die Treffsicherheit der Aussagen der Karten.
Ja, wir schneiden geradezu feierlich die Weihnachtsschokolade an... denn er ist nicht lang, der Sommer; die Nächte, in denen uns Glühwürmchen in den Schoß fallen; die frühen Morgende, an denen uns der Kuckuck weckt und die Abende, an denen die Mauersegler um die Häuser kreisen wie die Zeiger der großen Kirchturmuhr. Er ist nicht lang der Sommer und bald werden sich das Öl und der Doppelkorn rot gefärbt haben von den Blüten des Johanniskrauts. Dieses magische Kraut, das etwas Berauschendes in eine heilkräftige Tinktur wandelt und mich zum Philosophen werden lässt... alles, was ich aufnehme, wandelt mich. Manchmal ist es eine kleine Veränderung – geradezu winzig und nur Menschen mit einem feinen Gespür nehmen es „von außen“ wahr; ab und zu ist es eine große Veränderung – im eigenen Denken und Fühlen, im Blick auf sich selbst. Das Olivenöl bleibt ja Öl, extrahiert aus Oliven – aber nun hat es die Kraft des Sonnenkrauts Hypericum perforatum aufgenommen. Hypericin, Hyperforin, Flavonoide, Tannine... das klingt aneinandergereiht schon wie ein Zauberspruch. Mythen ranken sich um die gelben Sternchenblüten und die scheinbar perforierten Blättchen. Auch im Kräuterkartendeck gibt es das Johanniskraut – das zieht an diesem Abend keiner der Feiernden, auch den Salbei gibt es nur verrauchend auf der roten Glut der ehemals beige- und braunfarbenen Holzscheite. Rot ist im Sommer die vorherschende Farbe. Die Fingerspitzen sind allmorgendlich rot vom Sammeln der goldenen Blüten. Das Öl. Die Tinktur. Die Glut des Feuers. Die Erdbeeren, Kirschen, Tomaten. Die schnell vergänglichen Mohnblumen. Die Rosenblüten in meinem Garten. Man möchte unaufhörlich Oden schreiben an all die satten, leuchtenden Farben; an die Düfte und Aromen. Ein letztes Stück der „Süßen Weihnachtsgrüße“ liegt, eingewickelt in das silberne Papier, in meinem Korb, neben einigen restlichen Mozarella-Tomate-Spießen und einem Kanten Ciabattabrot. Die habe ich dann am nächsten Tag gegessen, belegt mit Basilikumblättchen und beträufelt mit Olivenöl... da ist es wieder das vielseitige Olivenöl. Lasst euch den Sommer schmecken!

Yana Arlt


Beim nackten Tanz im Regen
verlaufen die Farben
der sorgfältig platzierten
kleinen Karos


aus einem Text, geschrieben während eines Gewitterregens nach heißen Tagen