Werte Antje Dudeck,
„Willkommen.
Bienvenue. Welcome“ Kennen Sie diese Worte? Klingt eventuell die
Melodie eines Liedes in Ihrer Vorstellungskraft? Ich bekam die
Eintrittskarte geschenkt. Eine Eintrittskarte zu „Cabaret“ an der
Staatsoperette in Dresden im „Kraftwerk Mitte“. „Willkommen,
bienvenue, welcome // Fremde, étranger, stranger // Schön dich zu
sehen // Je suis enchanté // Happy to see you // Bleibe, reste,
stay.“ Ich weiß nicht, ob Sie während ihres Aufenthalts in
Dresden je in die Staatsoperette gingen – vor 10 Jahren war diese
noch in Leuben ansässig, sollte nach Meldung vom 14. Oktober 2002
geschlossen werden und eröffnete im Dezember 2016 - nach 2 Jahren
Bauzeit - im Kraftwerk Mitte. Die Geschichte der Staatsoperette, die
Geschichte des Stücks „Cabaret“ und möglicherweise auch Ihre
ganz eigene Geschichte als Künstlerin, so wie auch meine Geschichte
weisen Zeiten des Verlusts, des Kämpfens, des Ausharrens, der
Orientierung, des Findens, der Öffnung und des Verschließens, des
Neubeginns auf. Wir steigen aus dem Zug, wir spazieren durch die
abendlichen Straßen, ich entdecke einen „Kunstautomat“, krame in
meiner Tasche nach dem Portemonnaie. Ich hatte bereits davon gelesen
und wir hatten als Kunstverein in der Gartenstadt Marga auch schon
die Idee einen solchen aufzustellen oder besser, einen aufstellen zu
lassen. Warum diese Idee nicht weiterverfolgt wurde, weiß ich nicht.
Da, 2 2-Euro-Münzen leuchten mir entgegen, ich werfe sie in den
Kunstautomat und ziehe an dem Fach „Streetart“, denn das ist eine
faszinierende Kunstform und dem Anliegen Kunst im öffentlichen Raum
herzustellen und zu präsentieren, zolle ich höchsten Respekt. Ich
selbst bin Landart-Künstlerin und also ist auch mein Atelier der
freie Himmel, ich setze meine Werke allen möglichen Beeinflussungen
aus. Dieses Fach lässt sich nicht öffnen. Auch zwei weitere
Wunschthemen sind scheinbar nicht befüllt also ziehe ich überall
und das Fach „Regional“ lässt sich tatsächlich öffnen und eine
Schachtel liegt darin. Meine Begleiter drängen zum Weitergehen...
ich taumle an lebhaft besuchter Außengastronomie vorbei, lausche den
Musikklängen aus einem Lichtschacht... ich verdrehe mir den Hals –
es gibt eine Puppentheatersammlung?... die vielseitigen Eindrücke
sind kaum zu verarbeiten... ich umklammere die Tasche mit dem
Päckchen aus dem Kunstautomaten... wir finden die Staatsoperette...
wir setzen uns auf eine Couch im Eingangsbereich. Es ist reichlich
Zeit bis zum Beginn des Einführungsvortrags... ein allgemeines
Gespräch beginnt... Ich atme durch... nehme das Päckchen aus der
Tasche. Es gibt keinen „Trick“, um an den Inhalt zu kommen, das
Päckchen ist vollständig umklebt, ich kratze mit einem Schlüssel
herum, zunehmend ungeduldig. Als erstes entnehme ich den
„Beipackzettel“, der mich an den Zettel in unserem „Lyrikzin“
erinnert, dann entfalte ich den länglichen Zettel mit den
biografischen Angaben und dann ~ ~ ~ dann halte ich ihr kleines
Kunstwerk in den Händen. A D …. Albrecht Dürer, denke ich sofort
und Bilder des meisterhaft sich selbst vermarktenden Künstlers der
Jahrhundertwende vom 15. zum 16. Jahrhundert steigen in mir auf. Was
hat uns nun also Antje Dudeck auf ihrem Bild mitzuteilen? Ich hoffe
auf eine ruhige Minute, um mich dem Kunstwerk widmen zu können, zu
recherchieren, zu schreiben. Nun habe ich den 3. Schritt vor allen
anderen gemacht. Aber vielleicht ist das genau der Plan, die kleine
Schachtel kann man in den Rucksack oder die Jackentasche stecken und
dann kommt genau der richtige Moment, wo man danach greift ~
PS:
Ich stelle mir gerade vor, wie jemand bei mir nach Zigaretten
schnorrt und ich ihm dieses Päcken hinhalte – ein anderes habe ich
ja auch gar nicht. Die Vorstellung amüsiert mich.
Yana Arlt
Steffen Geyer
Der
Automat
Kein Mensch bin ich
an manchem Tag
Nur ein geschickt getarnter Automat
Von Außen
kaum zu erkennen
Wandelt eine unbeseelte Hülle
Nicht dass ich
mich deshalb beklag’
Ein Trick, geschenkt, um den ich nie
bat
Erlaubt, Geist und Kerl zu trennen
Hindert Weltschmerz,
dass er mich vermülle
Derweil das Außen Leben spielt
Fällt
Innen unsichtbar in sich zurück
Wenn das Gesicht nur passend
lacht
Ahnt niemand Leere hinter den Augen
Ich seh', worauf der
Kniff abzielt
Was reizvoll scheint am inneren Glück
Nicht
Angst ist’s, die in mir erwacht
Spür' Gleichmut, Hoffnung aus
mir saugen
Zahlreicher werden die Tage
An denen diese
Flucht mir nötig scheint
Die Freunde in die Fremde treibt
Distanz
erzeugt, wo Nähe verwundet
Und immer wieder die Frage
Ob was
in mir die Welt so kalt verneint
Mich frieren lässt und still
entleibt
Zumindest dem Automaten mundet
Textquelle:
https://steffen-geyer.de/lyrik/der-automat
Hinweis:
Dieses Gedicht wurde am 2. Januar 2023 online gestellt, das Bild aus
dem Kunstautomaten hat Antje Dudeck 2023 gemalt. Neben dem Gedicht
ist auf Geyers Website ist ein Streetartbild zu sehen. Es gibt im
Universum keine Zufälle ;-)
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