Montag, 29. November 2021

Stellen Sie sich vor, Ihr Bäcker wäre ein Projekt! / Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss

Textquelle: www.rat-kulturelle-bildung.de

 

Die Förderung Kultureller Bildung boomt. Hier ein neuer Forschungstopf, da eine neue Förderrichtlinie, ein weiterer Wettbewerb, die nächste Tagung und viele Mittel, insbesondere für Kulturelle Bildung mit geflüchteten Menschen. Wenn man in diesen Tagen etwas Schönes, möglichst sozial Inkludierendes mit Kultureller Bildung machen will, sollte irgendwo Geld aufzutreiben sein. Kulturelle Bildung für alle? Grundversorgung? Scheinbar kein Problem?!


Stellen Sie sich vor, Ihr Bäcker wäre ein Projekt! Einmal im Jahr gäbe es Brötchen und Kuchen im Überfluss, den ganzen Tag, wenn Sie wollen auch nachts. Sie kommen auf den Geschmack. Aber irgendwann ist das Projekt vorbei, der Bäcker wird abgewickelt und Sie müssen warten, bis sich wieder irgendwann die Gelegenheit ergibt, sich satt essen zu können. Appetit auf Brötchen und Kuchen haben Sie aber mehr als je zuvor.


Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt wäre ein Projekt. Dieses Projekt läuft leider gerade nicht, wenn Sie krank sind und den Arzt dringend bräuchten. Als Sie wieder gesund sind, hat der hoch kompetente Arzt 24-Stunden-Schicht. Sie stellen fest, man hat schlichtweg verschiedene Konjunkturen.


So absurd die Beispiele anmuten, so absurd ist die Förderlogik, der unter anderem auch die Kulturelle Bildung unterliegt. Die Grundversorgung mit Kultureller Bildung, d. h. der ästhetische Fachunterricht in Schulen, die Praxisinstitutionen Kultureller Bildung, die Aus- und Weiterbildungsstrukturen sowie kommunale Basisangebote werden durch massive ökonomische Einschnitte in ihrem Angebot bedroht, während auf der anderen Seite immer weiter zusätzliche Alibi-Töpfe der Finanzierung entstehen.


Ein Teufelskreis beginnt: Um ein Projekt zu akquirieren und durchführen zu können, muss zusätzlicher Aufwand betrieben werden, der mehr oder minder den Regelbetrieb einer Einrichtung lahmlegt. Förderrisiken müssen eingegangen werden, die vom jeweiligen Förderempfänger – realistisch betrachtet - nicht zu tragen sind. Inhaltlich und organisatorisch müssen Kompromisse und Anpassungen stattfinden, um den Förderkriterien zu genügen. Projekte müssen als Erfolg verkauft werden, aus Angst, das nächste Mal leer auszugehen. Personal muss sich zeitlich und finanziell ausbeuten, weil ansonsten die hohen Projektanforderungen und zeitlichen Rahmenbedingungen nicht zu halten sind. Zusätzliche Verwaltungs- und Organisationskosten werden oft nicht finanziert. Eine interne und externe Nachfrage wird erzeugt, die nur mit weiterem Aufwand, d. h. neuen Projekten zu decken ist.


Irgendwann haben sich verlässliche Strukturen zu Projekten gewandelt, deren befristet beschäftigte Mitarbeiter krampfhaft versuchen, den Kampf um die allgemeine Aufmerksamkeitsökonomie zu gewinnen und damit als Sieger hervorzugehen. Doch schließlich stellt sich die Frage: Wer gewinnt eigentlich bei diesem Spiel?