Montag, 20. Juli 2026

Inspirieren lassen ~ Familienzuwachs

 

Nun sind sie da! Viel eigenes Zeug haben sie nicht mitgebracht. Sie haben sich den gemütlichsten Platz ausgesucht und sich eingenistet. Also wortwörtlich! Die fürsorgliche Mutter hat für die sieben Kleinen ein richtig nettes Zuhause auf der Couch eingerichtet. Nein, in der Couch. Im Bettkasten der Schlafcouch. Selbst gesehen habe ich es nicht aber so wurde es mir erzählt. Ich höre noch den Schreck in der Stimme – darauf war niemand gefasst. Der Besuch war nicht angemeldet. Die neuen Mitbewohner hatten keine Warnung geschickt. Oder doch? Haben wir etwas übersehen? Sieht der Raum wirklich so einladend aus? Hm, an diverse Speisen und Getränke ist kein Rankommen, die sind in fest verschlossenen Dosen, Flaschen, Blechbüchsen und im Kühlschrank verstaut. Aber vielleicht ist es auch die grünende, blühende Idylle rund um das Haus – also grünend und blühend, was die Schnecken und Ameisen übrig gelassen haben. Überhaupt, das Thema Ameisen – können wir dafür mal ein Forum im Internet eröffnen. Was ist mit denen denn los in diesem Jahr? Dagegen sind ja die Eroberungszüge von Dschingis Kahn, Alexander dem Großen und Napoleon zusammen ein Klacks. Obwohl ja die Wanderung der Hunnen von Asien nach Europa zum Ende des 4. Jahrhunderts auch mit klimatisch unwirtlichen Verhältnissen begründet wird. Kälte heißt weniger Wachstum von Flora und Fauna – also auf, in angenehmere Gefilde! Die Westgoten suchten in Spanien Wohlstand und Komfort, den die Römer dort aufgebaut und vorgelebt hatten. Warum bekommst du und ich nicht? Alles sehr menschlich. Alles auch sehr tierisch. Dort wo es sich nur unter Mühen leben lässt, wo keine Basis für das Überleben und Leben gegeben ist, da muss ich weg. Ich ziehe weiter. Breche die Zelte ab. Beende die Beziehungen. Ein Feuerwehrmann meinte einmal, dass er in den vielen Berufsjahren immer wieder erlebt hat, dass Menschen das retteten, was ihnen am meisten bedeutet: andere Menschen, das Haustier, das Fotoalbum, Plüschtiere – genau diese Dinge gaben den Menschen Halt, diese Dinge waren Teil ihrer Geschichte, ihrer Identität, sie sind Erinnerung. Nicht der Personalausweis. Nicht der teure Anzug. Nicht die Geldkarte. Nicht der Schmuck. Nicht Versicherungspapiere. Aufbrechen, um anzukommen. Ankommen, um weiter zu gehen. Und wann gehen sie wieder weg? Kann ich die Gegenwart der Familie im Bettkasten der Couch gutheißen? Kann ich es ertragen? Nein, so geht das alles nicht. Die Ameisen bauen sich im Wurzelgeflecht der Margeritte ihr Zuhause und verhindern so, dass die Pflanze über die Wurzeln Wasser aufnimmt. Die Schnecken fressen die gelben Blütenblätter der Sonnenblume, ehe sie ganz aufgeblüht ist und die Blüten des Schleierkrauts gleich mit und von den Bohnen- und Dillsprösslingen brauchen wir gar nicht zu reden. Was ist zu tun? Gift ist nicht wirklich eine Option, denn vergiftete Schnecken sind Nahrung für andere Tiere, die dann elendiglich zugrunde gehen. Aber wieso gerate ich Entzücken, wenn die Vögel die eigens aufgestellte Schale mit Wasser nutzen, wenn ein Igel in der Dämmerung durch den Garten tappselt und die Glühwürmchen leuchten und im Gegensatz dazu grolle ich dem Waschbär, der im Frühjahr die Hochbeete nach Engerlingen durchgräbt und die Schnecken die frischen Triebe des gerade umgesetzten Beinwells abfressen. Und natürlich ist niemand begeistert, wenn Frau Ratte in der Klappcouch in der Gartenlaube eine Kinderstube einrichtet. Mit einem Hamster, einem Meerschweinchen unter einem Dach, das ist ok. aber eine Maus oder gar eine Ratte? Ich freue mich über die Schmetterlinge auf den Oreganoblüten aber es sträuben sich mir die Nackenhaare, wenn mir eine Wespe zu nahe kommt? Aber sie sind alle da! Wir leben alle unter diesem Himmels- und Sternenzelt. Wie kann das Miteinander gelingen? Mit Westgoten und Hunnen? Nun sind sie da! Und bringen vielleicht ihren Teil Gutes mit. Eine Erkenntnis – für mich, über mich. Ein Denkanstoß über meine Sicht auf die Welt, über meine Art zu verstehen, ein- und zuzuordnen.

Yana Arlt


Heinrich Heine

Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.


[...]

vollständiger Text: https://www.deutschelyrik.de/die-wanderratten.618.html