Montag, 6. Juli 2026

Inspirieren lassen ~ einfach mal (nicht) hingehen

 

Die ganze Stadt ist auf den Beinen – so scheint es. Stadtfestzeit! Vielseitige Bühnenprogramme, Sommerempfang, ein Festgelände mit allem, was ein durchschnittlicher Bürger nur wünschen kann. Von Klängen der Vergangenheit über Darbietungen der Jüngsten und denen, die noch auf der Suche nach etwas sind, Kunst-Kultur-und-Weinverkostung, eine betagte Königin gibt sich die Ehre, Vielstimmigkeit besingt die wundervolle Welt, die Leute dreh'n sich im Kreis, das Wetterkarussell auch... Sehen und Gesehenwerden … Lachen. Trinken. Essen. Sich berieseln lassen. Das Haar in der Suppe suchen. Ins Gespräch kommen. Sich über Meinungen wundern, über Lobreden und Schimpftiraden. Und Deutschland ist längst raus aus dem Wettlauf hinter dem Ball und für die Beliebtheit und Bewunderung. Ein Sommerwochenende. Ein Sommerwochenende, bei dem irgendwie alles nah beieinander liegt. Auch die Erwartungen, Enttäuschungen, der Daumen der in der Waage schwebt und sich noch nicht entschließen kann zum Sinken oder Steigen. Es gibt sie, die Feststimmung, hier und da, in Momenten. Es sind immer nur Momente. Es sind die Menschen, denen man begegnet, die neben einem stehen, sitzen, singen, tanzen... Es sind aber auch die Menschen, die nicht mit dabei sind... das merkt man erst später, im stillen Resumee.
Ich ziehe meinen Hut vor den Organisatoren. Sie haben an alles gedacht. Ein professionell geplantes, organisiertes, durchgeführtes Stadtfest – ein unglaublicher Wurf für eine so kleine Stadt in Südbrandenburg.
Der Tag danach ist Abbau, Vorgärten in Festgeländenähe, die nach Urin riechen, zerbröselte Döner, die sich um Hausecken fädeln, Blumenkübel, die zu Papierkörben mutierten... auch das gehört zu einem Stadtfest – die Katerstimmung nach der großen Sause. Diese Atmosphäre, die wie ein nasses Pelztier auf den Plätzen, Wegen und Straßen vor sich hin müffelt und jault, ist das einzige, das ich in diesem Jahr vom Fest mitbekomme. Ich bilde mir ein, etwas verpasst zu haben und weiß doch mit absoluter Sicherheit, dass keines der Formate eine Heimat für mich gewesen wäre. Was ist nur in den vergangenen Jahren passiert? In Gesprächen erfahre ich, dass es nicht nur mir so geht. Wir können es nicht genau bestimmen, was da so anders ist. Vielleicht dieses mehr und mehr, lauter, greller, länger, größer, kombiniert mit dem Anspruch auf Perfektion. In der Kultur steht immer wieder die Frage: Wie kommen wir an die Menschen ran? Welche Formate ziehen Publikum? Ich denke, dass die Organisatoren des diesjährigen Festes Vieles richtig gemacht haben – Nörgler wird es trotz allem geben... auch das gehört zu einem Stadtfest. Es bleibt mir nur, zu hoffen, dass es neben diesen großen Veranstaltungen, die für Tausende oder gar Zehntausende Besucher angelegt sind, auch dezentere, ruhigere, tiefere Veranstaltungen gibt. Die Besucherzahl sagt nichts über die Qualität des Musik-, Tanz- oder Leseprogramms; nichts über die Händler und die Speisen- und Getränkeversorgung. Einerseits ist der Hunger groß nach Unterhaltung, Spaß, Zerstreuung... andererseits gibt es einen selten zu stillenden Durst nach Tiefe, Bedeutsamkeit, Wahrhaftigkeit.
Ich war weder auf dem Sommerempfang der Stadt noch zur Ausstellungseröffnung im Rathaus, obwohl unser Verein für beide Veranstaltungen Einladungen erhielt und die sicher auch großartig organisiert und durchgeführt worden sind. Ja, ich sehe die Einladungen als respektvolle Gesten unserer Vereinsarbeit gegenüber. Und wie wird auf unsere Einladungen im Rathaus reagiert? Wird jemand zu unserem „Tag der Industriekultur“ am 8. August oder zum 14. Lausitzer Lyrikfestival vom 2. bis 6. September kommen?

Yana Arlt




George Gordon Byron alias Lord Byron

Ein Fest, wenn es verdampft, ist grade wie
Das letzte Glas Champagner, ohne Gischt,
Der seinem Erstlingskelche Reiz verlieh;
Wie ein System, in das sich Zweifel mischt;
Wie eine Flasche Sodawasser, die
So lang gesprüht hat, bis ihr Geist entwischt;
Wie eine Welle, welche sich noch hebt,
Wenn schon der Wind schläft, der sie erst belebt.



Textquelle: www.aphorismen.de