Montag, 19. Oktober 2026

Inspirieren lassen ~ schwarze Beeren

 

Ich sitze auf der Bank im Hof, es ist Sonntagmorgen, die Schale Milchkaffee wärmt meine Hände ~ Ich höre den Herzschlag der Stille in meinen Ohren. Zwischen meinen nackten Zehen kitzelt ein Grashalm, den ich beim Spaziergang über die Wiese aufgelesen habe. Ein Grünspecht. Fünf Kraniche. Zwei Krähen. Kein einziger Windhauch. Oktoberduft. Ein Elsterschackern. Ich schließe die Augen – atmen. Atmen. Ich darf das Atmen nicht vergessen. Oktoberduft. Ich schaue auf den Maulbeerbaum. Er ist noch voller Blätter. Und da wallt sie noch einmal in mir auf – die Trauer. Die Trauer über den Verlust eines Menschen. Atmen. Es gab nicht viele Früchte in diesem Jahr. Von keiner Frucht gab es „viele“ - kaum Äpfel, einige Trauben, kaum Pflaumen, wenige Kastanien, einige Kirschen... nicht viele aber köstliche. Kaum Maulbeeren. Vielleicht muss ich aber noch mehr Äste ausschneiden, die Krone noch mehr lichten. Das Besondere an Maulbeeren ist, dass sich am selben Zweig Früchte in vollkommen unterschiedlichen Reifestadien befinden. Jeden Morgen musst du mit deinen Blicken die Zweige abstreifen und die tiefdunklen Früchte pflücken. Viele landen trotzdem im Gras unter dem Baum, zwischen den Stängeln von Pfingstrose und Taglilie. Die Zeit der Früchte ist längst vorbei. Ich weiß nicht, wann der Sommer sich verabschiedet hatte – wann ist es Herbst geworden? Ich blättre im Kalender zurück, blättre durch die Notate und durch die Fotos. Irgendwo zwischen erster Kirsche und letzter Rosenblüte ist etwas verloren gegangen. Oder wurde es verdrängt von etwas Hinzugekommenem? Oder hat sich etwas Bewahrtes verwandelt? Die Trauer ist mehr als Herbstmelancholie an diesem stillen, bewölkten Sonntagmorgen. Sie lässt ihre Trauer nicht auf ihr Gesicht treten. In ihren Worten höre ich so viel Bitternis und Wut. In ihrer Stimme ist die Trauer zu hören. Die Trauer kann laut sein – in einem zynischen Lachen. Wie lang ist es her, dass sie von den Maulbeerbäumen in ihrem Garten erzählte und der mit ihr am Tisch saß, witzelte über Maulschellen. Die weißen Maulbeeren und die schwarzen und überhaupt: der Garten! All das, was sie vorhat und was sie stets neu entdeckt. Ich weiß nicht ihren Namen,und nur winzige Satzfetzen aus ihrem Leben. Was uns verbindet, ist die Zeit im Cafe. Der gleiche Tag zur gleichen Zeit, jeder möglichst an seinem „Stammplatz“. Wenige Male haben wir uns gegrüßt. Vielleicht als Versicherung, dass alles wie gehabt ist. Eine Zuverlässigkeit. Eine Verbundenheit. Habe ich sie je allein am Tisch sitzen sehen? Lange war ich nicht an diesem Tag, zu dieser Zeit, an diesem Platz... nun, nach Wochen, Monaten, Jahren(?) saß ich wieder dort, Kaffee und Gebäck vor mir auf dem Tisch, dem Tisch, der nicht mein „Stammplatz“ ist. Und am Nebentisch dieser Mensch voller Wut, Erschöpfung und überwältigender Trauer. Ich versuche aus diesem Wollknäul einen roten Faden zu spinnen, einen Faden, der sich beim Anblick des Maulbeerbaums um meinen Brustkorb schnürt. Atmen. Es ist nicht meine Trauer. Es ist nicht meine Wut. Atmen. Einen Schluck des Kaffees nehmen. Sich zu dem Spatzentschilpen gesellen und eine Runde mit den Wildgänsen fliegen. Ich denke an Seidenraupen. Seidenraupen werden mit Maulbeerblättern gefüttert. Verschiedenste Raupen und Falter haben sehr spezifische Nahrungspflanzen. Eine Raupe des Maulbeerspinners frisst drei Wochen lang Maulbeerblätter, der Faden, mit dem sie sich dann verpuppt/ einspinnt ist 1.500 Meter lang. Für 1 kg Seide braucht man 5000 Raupen, die ca. 180 kg Blätter fressen (das ist das Laub von ungefähr 25 Bäumen), die 9 kg Kokons werden in heißes Wasser geworfen, damit die Raupen absterben, denn würden die Falter aus dem Kokon schlüpfen, würden sie dabei den Faden zerstören, der sich dann nicht mehr in einem Stück abspulen ließe. (mehr über Seide erfahren) Seide ist ein sehr besonderer Stoff – in Geschichte, Herstellung, Verarbeitung und selbst über den Träger/ die Trägerin von Kleidung aus Seide gefertigt, sagt es etwas aus. Neben ganz praktischen Auswirkungen wie Hautfreundlichkeit, Geruchshemmung und kühlendem Effekt, sind es auch energetische Schutzfunktionen, Förderung des kreativen Flusses, der Seidenstoff steht für Metamorphose, Reinheit und Eleganz. Um den spirituellen Wert von Seidenstoffen zu erhöhen, gibt es auch gewaltfreie Produktionsabläufe – also ohne das Abbrühen der Kokons.
Ich möchte ihr ein Tuch, einen Schal aus Seide kaufen und sie ermuntern, Rat bei den Maulbeerbäumen einzuholen. Diese ganz spezielle Blattform der Maulbeere... halten Sie sich an diese Einzigartigkeit, lassen Sie die Blätter los und auch die Früchte, vertrauen Sie auf das kommende Frühjahr, vertrauen Sie den Schmerz, die Wut, die Trauer dem Maulbeerbaum an. Aber ich kenne sie ja nicht. Ich habe kein Recht mich derart in ihr Leben zu drängen.

Yana Arlt


Maulbeeren schwarz weiß
hinter dem Haus im Garten
Im Haus ist es still


Yana Arlt
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