Ich habe keine Ahnung, ob du
orangefarbene Rosen magst aber ich dachte an dich, als ich diesen
Strauß am Montagmorgen kaufte. Die Blüten duften sogar etwas.
Meinst du nicht, dass die blaue Vase gut zu der Blütenfarbe passt?
Ich mag blau – ich mag alle 53 Blautöne des Cyanometers. Neun
Stängel sind mit einem Gummi zusammengehalten und in eine Folie
gewickelt gewesen. Behutsam habe ich sie gelöst, die unteren Blätter
entfernt und die Stängel frisch angeschnitten. Er soll dir lange
Freude bereiten, dieser Strauß. Er soll dich daran erinnern, wie
sehr ich dich schätze – unsere Gespräche, die stillen Momente, in
denen wir nebeneinander sitzen und Kaffee oder Tee trinken. Das
wirklich Tiefe kommt selten zur Sprache, ich weiß davon durch einen
Blick, durch eine kleine Geste, durch einen tiefen Atemzug, die Art
wie deine Schultern anspannen. Vielleicht lief dein Leben bisher
nicht so, wie du es mal als Kind oder Jugendlicher erträumt hattest,
vielleicht vermisst du etwas in deinem Leben, vielleicht hast du auch
Entscheidungen getroffen, die zu ihrer Zeit logisch und gut begründet
waren und die du jetzt bedauerst. Vielleicht bist du Wege gegangen,
von denen du dir mehr oder ganz anderes erhofft hattest. Vielleicht
hast du Dinge getan oder nicht getan, weil die Umstände, deine
Familie und Freunde, deine Lehrer, dein Chef, irgendeine Statistik,
irgendwelche Werte... es so erwarteten – nur waren es nie deine
Erwartungen und Träume. Welche Werte sind normal? Ich meine nicht
nur Blutdruck, BMI, Follower, Beziehungen/ Lebenspartnerschaften,
besuchte Länder, Einkommen, Kilometer, Zentimeter, Quadratmeter,
Kubikmeter, IQ, EQ etc. Du bist gerade nicht sehr glücklich. Aber
was heißt das schon? Das bedeutet, dass du auf dem Weg bist, dass du
etwas erkannt hast, etwas erfahren hast über dich und dein Leben und
dass du die Notwendigkeit einer Veränderung erkannt hast. Das ist
gut. Das ist Bewegung. In letzter Zeit denke ich oft an den
Ausspruch: Das Leben ist wie Fahrrad fahren, hörst du auf dich zu
bewegen, fällst du um. Du bewegst dich! Manchmal wirst du mit
Steinen auf deinem Weg konfrontiert, die unüberwindbar scheinen. Wer
oder was hat sie dorthin gelegt? Wie sollst du das schaffen? Hat das
überhaupt Sinn, hier weiterzugehen? Ich möchte deine Hand nehmen,
möchte sie mit meinen beiden Händen sanft umschließen, wie man
einen erschöpften Vogel in die Hände nimmt, um ihm einen Moment der
Ruhe, Geborgenheit und Wärme zu geben, damit er sich erholen kann.
Hunderte Zitate schwirren mir dabei durch den Kopf, die ermutigen
sollen und zuweilen auch richtig platziert sind. Doch hier, mit
deiner Hand in meinen, schweige ich. Du bist erschöpft. Du bist
müde. Du bist leer. Du bist randvoll... noch ein Tropfen... Ich kann
dir nichts davon abnehmen. Ich koche Kaffee. Ich koche Tee. Ich öffne
zwei Flaschen alkoholfreies Bier – denn es geht nicht um den
Rausch, die Betäubung, die Flucht; es geht um die gemeinsame Zeit.
Ich bin hier. Und wenn du sagst: Ich muss jetzt allein sein. Dann
stehe ich auf und gehe … und bleibe in Rufweite. Vielleicht höre
ich dann Weinen, vielleicht Fluchen, vielleicht ein Dutzend
Warum-Fragen – geschluchzt, geschrien, geflüstert… ich weiß, du
wirst die Antworten finden.
Leise, sehr leise stelle ich die blaue
Vase mit den orangefarbenen Rosen auf die Tischplatte.
Es sind
echte Rosen – mit Dornen, Blättern und einem leichten Blütenduft.
Yana Arlt
Christian Morgenstern
Von
den heimlichen Rosen
Oh, wer um alle
Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten steh'n
oh wer um
alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben geh'n.
Du
brichst hinein mit rauen Sinnen
als wie ein Sturm in einen
Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen
dir selbst
verwandelte Gestalt.
Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die
rings in stillen Gärten steh'n
oh wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben geh'n.
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