Montag, 14. September 2026

Inspirieren lassen ~ Ein Strauß für einen besonderen Menschen

 

Ich habe keine Ahnung, ob du orangefarbene Rosen magst aber ich dachte an dich, als ich diesen Strauß am Montagmorgen kaufte. Die Blüten duften sogar etwas. Meinst du nicht, dass die blaue Vase gut zu der Blütenfarbe passt? Ich mag blau – ich mag alle 53 Blautöne des Cyanometers. Neun Stängel sind mit einem Gummi zusammengehalten und in eine Folie gewickelt gewesen. Behutsam habe ich sie gelöst, die unteren Blätter entfernt und die Stängel frisch angeschnitten. Er soll dir lange Freude bereiten, dieser Strauß. Er soll dich daran erinnern, wie sehr ich dich schätze – unsere Gespräche, die stillen Momente, in denen wir nebeneinander sitzen und Kaffee oder Tee trinken. Das wirklich Tiefe kommt selten zur Sprache, ich weiß davon durch einen Blick, durch eine kleine Geste, durch einen tiefen Atemzug, die Art wie deine Schultern anspannen. Vielleicht lief dein Leben bisher nicht so, wie du es mal als Kind oder Jugendlicher erträumt hattest, vielleicht vermisst du etwas in deinem Leben, vielleicht hast du auch Entscheidungen getroffen, die zu ihrer Zeit logisch und gut begründet waren und die du jetzt bedauerst. Vielleicht bist du Wege gegangen, von denen du dir mehr oder ganz anderes erhofft hattest. Vielleicht hast du Dinge getan oder nicht getan, weil die Umstände, deine Familie und Freunde, deine Lehrer, dein Chef, irgendeine Statistik, irgendwelche Werte... es so erwarteten – nur waren es nie deine Erwartungen und Träume. Welche Werte sind normal? Ich meine nicht nur Blutdruck, BMI, Follower, Beziehungen/ Lebenspartnerschaften, besuchte Länder, Einkommen, Kilometer, Zentimeter, Quadratmeter, Kubikmeter, IQ, EQ etc. Du bist gerade nicht sehr glücklich. Aber was heißt das schon? Das bedeutet, dass du auf dem Weg bist, dass du etwas erkannt hast, etwas erfahren hast über dich und dein Leben und dass du die Notwendigkeit einer Veränderung erkannt hast. Das ist gut. Das ist Bewegung. In letzter Zeit denke ich oft an den Ausspruch: Das Leben ist wie Fahrrad fahren, hörst du auf dich zu bewegen, fällst du um. Du bewegst dich! Manchmal wirst du mit Steinen auf deinem Weg konfrontiert, die unüberwindbar scheinen. Wer oder was hat sie dorthin gelegt? Wie sollst du das schaffen? Hat das überhaupt Sinn, hier weiterzugehen? Ich möchte deine Hand nehmen, möchte sie mit meinen beiden Händen sanft umschließen, wie man einen erschöpften Vogel in die Hände nimmt, um ihm einen Moment der Ruhe, Geborgenheit und Wärme zu geben, damit er sich erholen kann. Hunderte Zitate schwirren mir dabei durch den Kopf, die ermutigen sollen und zuweilen auch richtig platziert sind. Doch hier, mit deiner Hand in meinen, schweige ich. Du bist erschöpft. Du bist müde. Du bist leer. Du bist randvoll... noch ein Tropfen... Ich kann dir nichts davon abnehmen. Ich koche Kaffee. Ich koche Tee. Ich öffne zwei Flaschen alkoholfreies Bier – denn es geht nicht um den Rausch, die Betäubung, die Flucht; es geht um die gemeinsame Zeit. Ich bin hier. Und wenn du sagst: Ich muss jetzt allein sein. Dann stehe ich auf und gehe … und bleibe in Rufweite. Vielleicht höre ich dann Weinen, vielleicht Fluchen, vielleicht ein Dutzend Warum-Fragen – geschluchzt, geschrien, geflüstert… ich weiß, du wirst die Antworten finden.
Leise, sehr leise stelle ich die blaue Vase mit den orangefarbenen Rosen auf die Tischplatte.
Es sind echte Rosen – mit Dornen, Blättern und einem leichten Blütenduft.

Yana Arlt


Christian Morgenstern

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten steh'n
oh wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben geh'n.

Du brichst hinein mit rauen Sinnen
als wie ein Sturm in einen Wald
und wie ein Duft wehst du von hinnen
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten steh'n
oh wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben geh'n.