Früh um 3 Uhr, der Wecker klingelt –
nein, nicht zur „Kreativen Stunde vor Sonnenaufgang“, das ist
morgen, am letzten Dienstag des diesjährigen Februars – ich habe
die ganze Nacht kaum geschlafen: Geht die Uhr auch richtig? Ist die
Batterie drin, der Akku geladen? Habe ich die richtige Zeit
eingestellt? Wird das Auto anspringen? Ich bin so lange nicht
gefahren. Wird schon passen, habe ja am Donnerstag eine Tour gemacht,
das Auto hat bissl geächzt, ist aber gut gekullert. Stehen die
beiden pünktlich zum Abholen bereit? Passen die Koffer und Taschen
in meinen Kofferraum? Hab ich eigentlich noch genug Benzin im Tank?
Sind die Straßen durch die Stadt frei oder ist schon wieder irgendwo
wegen Baumaßnahmen gesperrt? Hatten sie für die Nacht und die
frühen Morgenstunden Frost angesagt? Das Freikratzen der
Autoscheiben muss ich in die Zeit mit einplanen. Wann müssen die auf
dem Bahnhof sein? Wie spät wird es jetzt wohl sein? Ok, kann mich
nochmal rumdrehen. Und der Wecker ist korrekt eingestellt? Werde ich
ihn hören? Was ist, wenn das Auto doch nicht anspringt? Solls ja
geben sowas: gestern noch gefahren und dann ist die Batterie runter.
War das Licht im Auto an? Wen könnte ich dann als schnellen Ersatz
anrufen? Es ist ja keiner morgens kurz vor vier mal schnell in den
Klamotten und dann mit dem Auto in Brieske. Wie spät wird es jetzt
wohl sein? Habe ich den Führerschein und die Fahrzeugpapiere? Wann
muss eigentlich der Erste-Hilfe-Kasten ersetzt werden? Das Getriebeöl
müsste ich auffüllen. Den Reifendruck konnte ich nicht prüfen, das
Gerät an der Tankstelle war am Donnerstag nicht einsatzbereit.
Jemand erklärte mir, dass der Kompressor mit Wasser funktioniert,
aber das funktioniert eben nicht, wenn das Wasser gefroren ist. Wird
der Luftdruck für die Strecke zum Bahnhof und mit der zusätzlichen
Beladung ausreichen? Warum habe ich zugesagt, die beiden an einem
Montagmorgen zum Bahnhof zu fahren? Hätten sie nicht jemand anderen
fragen können? … Ich falle in einen Dämmerzustand und dann dröhnt
der Wecker plötzlich los. OK, die Dusche ist kurz und kalt, das
Zahnputzwasser auch, die Sachen liegen bereit und auch Thermosbecher,
Teekännchen und Wasserkocher sind startklar. Wunderbar! Soweit so
gut, ich habe sogar noch Zeit, den Text im „Fastenwegweiser“ zu
lesen... ein humorvolle Annekdote von Elke Heidenreich über das
„Aufräumen“. Ich muss lächeln und verbiete mir, mich in meiner
Küche genauer umzusehen und Ähnlichkeiten zum Thema des Textes zu
entdecken. Also los! Vorbereitet wie zu einer Marsexpedition tappse
ich über den dunklen, stillen Hof zum Auto, lade meinen Rucksack auf
die Rückbank, checke den Kofferraum, schiebe die Tasche etwas an die
Seite, steige ein und fahre los zum Treffpunkt... alles super, die
beiden sind samt Koffer und Taschen beim Bahnhof abgesetzt. Gute
Fahrt! Eine wunderbare und erholsame Reise! Meldet euch, wenn...
ich steige ins Auto, fahre bis zu einem Parkplatz in Altmarktnähe,
es ist noch eine Überweisung zu erledigen... morgens um halb fünf
ist die Stadt noch in tiefem Schlaf, nicht einmal eine Bäckerei hat
jetzt schon geöffnet. Ich bin erleichtert, genieße die Ruhe, die
Magie des Frühmorgens auf dem Marktplatz einer Kleinstadt. Es würde
mich nicht wundern, wenn jetzt aus der Schmiedegasse ein Fuchs
herbeigehuscht und vom Kirchplatz ein Hase gehoppelt käme und beide
sich auf dem Marktplatz treffend Guten Morgen sagen würden.
Das Plakat vom Vorlesewettbewerb am vergangenen Samstag ist von der
Rathaustür abgenommen – das wurde sicher noch am gleichen
Nachmittag erledigt. In einer Boutique an der Ecke zur Schlossstraße
leuchten alberne Lampen im Schaufenster. Im Süßwaren- und
Spirituosengeschäft in der Schlossstraße entdecke ich an der
Schaufensterscheibe ein dem Valentinstag nachhallendes Gedicht. Mir
ist noch nie zuvor aufgefallen, wie laut die neuen Geldautomaten
brummen. Die ehemalige Sternenbäckfiliale ist ein „schwarzes
Loch“. Dutzende Erlebnisse auf und um den Marktplatz sind mir
plötzlich gegenwärtig ~ die Leseveranstaltungen in der jetzigen
„Seenlandbuchhandlung“ und im „Eine-Welt-Laden“, das
Puppenspiel mit Leseratte Raz im vergangenen Mai vor 130 Kindern im
Großen Rathaussaal, das Treffen mit Freunden „auf einen Kaffee“,
die Trommeltreffen im „Eine- Welt-Laden“, die Festveranstaltung
zu Horst Mönnichs 100. Geburtstag, die Ausstellungseröffnungen im
Rathaus – auch die der Ortschronisten Brieske-Marga und meine
Landart im kleinen Ratssaal, die „offene Baustelle“ des
historischen Gebäudes Markt 15, die Sommerkunstwochen bei den Malern
Gork und Winkler [und Peitzberg] in den Ateliers und im Hof des Markt
11, die Vorlesewettbewerbe incl. Jurysitzungen, der Samstagskaffee
auf einer der Marktbänke und nicht im Cafe während der Coronazeit,
die Veranstaltungen der Reihe „Literarisches Schaffen in
Senftenberg ~ Früher, Heute, Morgen“ und das Hineinläuten der
Abendglocken ... unzählige Abendgeläute, Morgengeläute,
Mittagsgeläute … doch jedes Mal ist es etwas Besonderes für
mich!
Bis zum Morgengeläut um acht Uhr sind es noch reichliche
drei Stunden... langsam macht sich der Schlafmangel bemerkbar ~
Yana Arlt
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