Montag, 23. Februar 2026

Inspirieren lassen ~ Stadt am Morgen

 

Früh um 3 Uhr, der Wecker klingelt – nein, nicht zur „Kreativen Stunde vor Sonnenaufgang“, das ist morgen, am letzten Dienstag des diesjährigen Februars – ich habe die ganze Nacht kaum geschlafen: Geht die Uhr auch richtig? Ist die Batterie drin, der Akku geladen? Habe ich die richtige Zeit eingestellt? Wird das Auto anspringen? Ich bin so lange nicht gefahren. Wird schon passen, habe ja am Donnerstag eine Tour gemacht, das Auto hat bissl geächzt, ist aber gut gekullert. Stehen die beiden pünktlich zum Abholen bereit? Passen die Koffer und Taschen in meinen Kofferraum? Hab ich eigentlich noch genug Benzin im Tank? Sind die Straßen durch die Stadt frei oder ist schon wieder irgendwo wegen Baumaßnahmen gesperrt? Hatten sie für die Nacht und die frühen Morgenstunden Frost angesagt? Das Freikratzen der Autoscheiben muss ich in die Zeit mit einplanen. Wann müssen die auf dem Bahnhof sein? Wie spät wird es jetzt wohl sein? Ok, kann mich nochmal rumdrehen. Und der Wecker ist korrekt eingestellt? Werde ich ihn hören? Was ist, wenn das Auto doch nicht anspringt? Solls ja geben sowas: gestern noch gefahren und dann ist die Batterie runter. War das Licht im Auto an? Wen könnte ich dann als schnellen Ersatz anrufen? Es ist ja keiner morgens kurz vor vier mal schnell in den Klamotten und dann mit dem Auto in Brieske. Wie spät wird es jetzt wohl sein? Habe ich den Führerschein und die Fahrzeugpapiere? Wann muss eigentlich der Erste-Hilfe-Kasten ersetzt werden? Das Getriebeöl müsste ich auffüllen. Den Reifendruck konnte ich nicht prüfen, das Gerät an der Tankstelle war am Donnerstag nicht einsatzbereit. Jemand erklärte mir, dass der Kompressor mit Wasser funktioniert, aber das funktioniert eben nicht, wenn das Wasser gefroren ist. Wird der Luftdruck für die Strecke zum Bahnhof und mit der zusätzlichen Beladung ausreichen? Warum habe ich zugesagt, die beiden an einem Montagmorgen zum Bahnhof zu fahren? Hätten sie nicht jemand anderen fragen können? … Ich falle in einen Dämmerzustand und dann dröhnt der Wecker plötzlich los. OK, die Dusche ist kurz und kalt, das Zahnputzwasser auch, die Sachen liegen bereit und auch Thermosbecher, Teekännchen und Wasserkocher sind startklar. Wunderbar! Soweit so gut, ich habe sogar noch Zeit, den Text im „Fastenwegweiser“ zu lesen... ein humorvolle Annekdote von Elke Heidenreich über das „Aufräumen“. Ich muss lächeln und verbiete mir, mich in meiner Küche genauer umzusehen und Ähnlichkeiten zum Thema des Textes zu entdecken. Also los! Vorbereitet wie zu einer Marsexpedition tappse ich über den dunklen, stillen Hof zum Auto, lade meinen Rucksack auf die Rückbank, checke den Kofferraum, schiebe die Tasche etwas an die Seite, steige ein und fahre los zum Treffpunkt... alles super, die beiden sind samt Koffer und Taschen beim Bahnhof abgesetzt. Gute Fahrt! Eine wunderbare und erholsame Reise! Meldet euch, wenn... ich steige ins Auto, fahre bis zu einem Parkplatz in Altmarktnähe, es ist noch eine Überweisung zu erledigen... morgens um halb fünf ist die Stadt noch in tiefem Schlaf, nicht einmal eine Bäckerei hat jetzt schon geöffnet. Ich bin erleichtert, genieße die Ruhe, die Magie des Frühmorgens auf dem Marktplatz einer Kleinstadt. Es würde mich nicht wundern, wenn jetzt aus der Schmiedegasse ein Fuchs herbeigehuscht und vom Kirchplatz ein Hase gehoppelt käme und beide sich auf dem Marktplatz treffend Guten Morgen sagen würden. Das Plakat vom Vorlesewettbewerb am vergangenen Samstag ist von der Rathaustür abgenommen – das wurde sicher noch am gleichen Nachmittag erledigt. In einer Boutique an der Ecke zur Schlossstraße leuchten alberne Lampen im Schaufenster. Im Süßwaren- und Spirituosengeschäft in der Schlossstraße entdecke ich an der Schaufensterscheibe ein dem Valentinstag nachhallendes Gedicht. Mir ist noch nie zuvor aufgefallen, wie laut die neuen Geldautomaten brummen. Die ehemalige Sternenbäckfiliale ist ein „schwarzes Loch“. Dutzende Erlebnisse auf und um den Marktplatz sind mir plötzlich gegenwärtig ~ die Leseveranstaltungen in der jetzigen „Seenlandbuchhandlung“ und im „Eine-Welt-Laden“, das Puppenspiel mit Leseratte Raz im vergangenen Mai vor 130 Kindern im Großen Rathaussaal, das Treffen mit Freunden „auf einen Kaffee“, die Trommeltreffen im „Eine- Welt-Laden“, die Festveranstaltung zu Horst Mönnichs 100. Geburtstag, die Ausstellungseröffnungen im Rathaus – auch die der Ortschronisten Brieske-Marga und meine Landart im kleinen Ratssaal, die „offene Baustelle“ des historischen Gebäudes Markt 15, die Sommerkunstwochen bei den Malern Gork und Winkler [und Peitzberg] in den Ateliers und im Hof des Markt 11, die Vorlesewettbewerbe incl. Jurysitzungen, der Samstagskaffee auf einer der Marktbänke und nicht im Cafe während der Coronazeit, die Veranstaltungen der Reihe „Literarisches Schaffen in Senftenberg ~ Früher, Heute, Morgen“ und das Hineinläuten der Abendglocken ... unzählige Abendgeläute, Morgengeläute, Mittagsgeläute … doch jedes Mal ist es etwas Besonderes für mich!
Bis zum Morgengeläut um acht Uhr sind es noch reichliche drei Stunden... langsam macht sich der Schlafmangel bemerkbar ~

Yana Arlt