Hin- und herlaufend, suchend, sitzend,
stehend, die Arme ausstreckend – wonach, nach wem? Hin- und
herlaufend, rufend, fragend, erzählend. Das Schreiben am Fluss. Das
Schreiben am Küchentisch. Die Fahrt mit der Bahn. Warst du jemals
verliebt? Die Schmetterlinge. Das Tuch wandert von einer zur anderen,
ist Halstuch, Kopftuch, Schultertuch, Hüfttuch. Das Tuch verhüllt.
Das Tuch wird zu Flügeln. Ich kann die Tanzschritte nicht zu
biografischen Punkten zuordnen. Aber Schritte und Sprünge verlassen
Punkte, weichen ab von der Linie, tanzen aus der Reihe. Das Leben
läuft. Nicht immer geradelinig. Die Schritte führen nicht alle nach
vorn. Sie kehrt um. Sie kehren um. Wendung an imaginären Stellen.
Keine Startlinie. Keine Ziellinie. Keine Wegweiser. Dort vorn, eine
Figur. Aus Stein. Aus Stein gemeißelt. Aus Stein gehauen. Die
Mittagsfrau. Noch eine Figur. Noch eine Figur. Am Wegesrand. Hier
wurden sie hingesetzt und bewegen sich in den kommenden Jahren nicht
fort. Wo sollten sie hin? Der Weg verläuft in einer Linkskurve
zwischen Weiden. Die Zweige streichen über Schulter, Hals, Kopf ~
Die saftige Wiese. Warum laufen wir in Schuhen und Socken über den
grünen Saum? „Ich war verliebt. Ein Mal.“ Das ist gelogen. Oder
sagen wir: ausgedacht. Welcher Datenquelle ist dieser Fakt entnommen?
Mina, Emily, Annette, Karoline, Jane, Nelly... die Poetinnen, die
sich nur ein Mal verlieben? Sie haben zuviel Fantasie. Auch für
Enttäuschungen und Verletzungen, die niemand bluten und eitern
sieht. Niemand. Sie tragen selten kurze Ärmel und selten einen
unbedeckten Hals. Ihr kennt sie nicht! Ich kenne sie auch nicht!
Einer fragt. Fragt unter dem großen Eichenbaum und hört sie nicht,
versteht sie nicht die Dichterin, die antwortet. Niemand hört einer
Dichterin zu. Hört wirklich zu und hört all die Geschichten
zwischen den gesagten, zwischen den geschriebenen Worten. Nenne mir
eine Dichterin! Eine! Lies mir, sprich mir eines ihrer Gedichte!
Eines! Die Choreographin sagt: „Unser Ausdrucksmittel ist der
Körper.“ Das ist poetisch. Zwischen Eichenkrone und Gänseblümchen
sagt sie das. Dort in dem Kreis steht sie, die Dichterin, deren ein
paar Gedichte ich kenne. Vielleicht kennt sie die Dichterin, deren
Name selten gesagt wird, deren Worte getanzt werden. Vom Kopf in die
Hand auf das Papier, vom Papier in den Kopf in die Hand – Poesie in
den Fingerspitzen, in den Zehenspitzen, in Knien, Hüfte, Schulter,
Hals. Was fragst du, wenn du die Antwort nicht hören willst? Du
verstehst die Sprache nicht. Die Sprache einer Dichterin. Die Sprache
einer Tänzerin. Lasst ihn stehen. Er ist zu unbeweglich. Mir
scheint's, sein Holz ist schnell gewachsen und wird den Stürmen
nicht standhalten. Und du, Wilhelmine, du bist eine Esche. Fest.
Beweglich. Geschmeidig. Du beugst dich den Stürmen. Du brichst
nicht. Du richtest dich wieder auf. Du sitzt unter den Weiden. Nahe
des Flusses. Mit dem Rücken und dem Kopf zwischen den Gänseblümchen,
im saftigen Gras. Auf das Himmelblau schreibst du ein Wort ~ Mjatel
Yana Arlt
Mina Witkojc
Mjatel
Do
ŝamnego
rožka
kradu zalěnzona,
źož
lědy
pšuga
swětla
padnjo na nju,
tam – šera,
pšosta
wisy w zymskem spanju,
glej, gusenica twardo
zapśěźona.
[…]
*
Bild
In
finsterm Winkel, wo der niedern Sonne
verblichne Strahlen sie kaum
jemals trafen,
hängt grau, erstarrt zu tiefem Winterschlafe
die
Larve eines Schmetterlings versponnen.
[…]
Textquelle:
Mina Witkojc ~ Sorbische Dichterin“ Aus gewählte literarische
Texte zweisprachig
1976 Rat der Stadt Cottbus